Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
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Zur Ribelwissensohaft Spinozas und seiner Vorläufer 17 er zieht die Wahrheit dessen in Zweifel, was man über ein anderes Leben zu lehren pflegte. (106,) Die Angst vor der ewigen Verdammnis also treibt den da Costa zur Leugnung der Unsterblichkeit der Seele. Ist mit dem Tode alles aus, so gibt es keine Schrecken der Hölle, Das Epikureische Motiv ist nicht zu verkennen. Wie sehr es da Costa bestimmte, zeigen mehrere seiner Aeußerungen. „Am meisten in diesem Leben beschwerte und quälte" ihn: die Vorstellung von einem ewigen Gut und einem ewigen Uebel, Diese Vorstellung ist quälend, weil sie etwas Unsicheres meint. Das ewige Gut ist ein „gewagter Gewinn" (101). Der Epikureische Wille zum sichern Glück verbietet sich ein solches Wagen; er verbietet sich vorzüglich, nämlich wegen des ursprünglichen Vorzugs der Freude vor dem Schmerz, das Glauben an eine ewige Verdammnis. Die Religion wird bekämpft als eine Quelle „schwerster Schrecken und Aengste" (120), Da Costa wirft ihr vor, sie beleidige Gott, indem sie ihn „gleichsam als grausamsten Benker und schrecklichen Folterknecht den Augen der Menschen darbietet" (121). Nun kann er allerdings die Epikureische Theologie nicht übernehmen; denn ihm, dem Erben jahrtausendealter religiöser Traditionen, ist die Verbindung von Gott und Welt allzu lebendig: auch ihm ist Gott der autor naturae (llö). Sein Kampf richtet sich daher nicht gegen die Vorstellung von einem wirkenden Gott, sondern allein gegen die Vorstellung von ewiger Verdammnis und Unsterblichkeit der Seele. Durch diese Begrenzung seines Funktionsbereichs wird das Epikureische Motiv selbst nicht verändert, Uebrigens setzt sich da Costa für die Rettung Epikurs ausdrücklich ein, Epikurs, den er allerdings nicht aus seinen Schriften, sondern nur aus dem Urteil einiger wahrheitsliebender Männer und aus seiner Lehre kenne (108 f.). Da Costa steht in der Epikureischen Bewegung seines Jahrhunderts, für die er durch seine Natur bestimmt war und gegen die die Einrichtungen der Religionen keinen unbedingten Schutz mehr boten.1) Die Not, in die der Zwanzigjährige geraten ist, veranlaßt ihn also, die Voraussetzung eben dieser Not, die katholischen Vorstellungen vom jenseitigen Leben, mittels eigener Ueberlegung zu prüfen. Von dem Verlangen beherrscht, nachdem er auf Grund seiner rationalen Prüfung der katholischen Dogmen den Halt in der katholischen Kirche verloren, irgendwo einen Halt zu finden, beginnt er — hierbei wird die auf das Judentum verweisende Familientradition den Weg gewiesen haben — mit der Lektüre der Thorah und der Propheten. Er findet hier geringere Schwierigkeiten für die Vernunft als in der Lehre des neuen Bundes. Er kommt also auf dem Weg eigener Ueberlegung dazu, dem Moses mehr zu glauben, als dem N. T., und darum die Pflicht des Gehorsams gegen das Mosaische Gesetz anzuerkennen. *) Sein Kritiker da Silva nennt ihn — mit tiefejrem Recht, als er selbst weiß — „Wiedererwecker der schändlichen und schon längst begrabenen Sekte Epikurs*1. Gebhardt 174.