Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
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Zur Bibelwissenschaft Spinozas und seiner Vorläufer 15 vor den Göttern und vor dem Tode auf; es will zu seinem Ziel gelangen durch die Erkenntnis der wirklichen Ursachen. Dieses Unternehmen ist dann und nur dann aussichtsreich, wenn das wahre Sein der Götter und des Kosmos so ist, daß die Erkenntnis desselben nicht zu neuer, gar größerer Sorge und Unruhe führt. Insofern setzt auch die Epikureische Religionskritik eine primäre theoretische Konzeption voraus. Die Fixierung dieses Typus der Religionskritik und der mit ihm zusammenhängenden Religionsanalyse ist Voraussetzung für das Verständnis der Religionskritik und damit auch der Bibelwissenschaft des siebzehnten Jahrhunderts. Dies darf nicht so verstanden werden, als ob der Einfluß des Epikureischen Motivs sich ebenso weit erstreckte wie der Einfluß der Epikureischen Religionsanalyse. Was Spinoza selbst angeht, so ist er nicht schlechthin durch jenes Motiv, sondern durch die Epikureische Religionsauffassung und -erklärung: die Religion eine Ausgeburt von Angst und Traum, wesentlich bestimmt. Die Motive der Religionskritik und nächst ihnen die religions-analyiischen Doktrinen sind insofern die letzten Voraussetzungen der Bibelwissenschaft, als die Bibel jedenfalls primär als religiöses Dokument angesehen wird. Die Weise, in der sich die primären religions-kritischen Bestrebungen bibelwissenschaftlich konkretisieren, ist durch das allgemeine Verhältnis von Religionskritik und Bibelwissenschaft noch nicht bestimmt. Diesen Konkretisierungsprozeß verfolgen wir bei einem Vorläufer Spinozas, der unter ähnlichen Voraussetzungen wie dieser mit dem Mittel der Bibelwissenschaft den Kampf gegen die Religion aufgenommen hat: bei Uriel da Costa. Da Costa hat mit Spinoza eine besondere Voraussetzung gemein, insofern er jüdischer, und zwar marranischer, Abkunft ist. IV) Die Kritik der Marranen am Christentum erscheint als selbstverständlich, falls man voraussetzt, daß ihre Zugehörigkeit zum Christentum in nichts anderem begründet war als in dem Zwang seitens der Kirche und der sich eben damals konsolidierenden iberischen Monarchien. Indessen verhinderte der Umstand, daß die Vorfahren einstmals gewaltsam zum Christentum gebracht worden waren, die Späteren nicht, gläubige Christen zu sein. Was konnte nun einen gläubigen Christen, den Sohn eines gläubigen Christen, zur Kritik am Christentum veranlassen? Jedenfalls eher eine innerchristliche Schwierigkeit, als die Einwürfe von Juden, auch von jüdischen Ahnen. So rezipiert da Costa erst dann jüdische Argumente gegen das Christentum, als er bereits infolge der Erfahrung, daß die Kirchenwerke zum Heil nicht genügen, an der Kirche irre geworden ist. Steht diese Kritik, die ihn zum Judentum führt, in Zusammenhang mit seinem Marranentum? Da Costa selbst *) Im folgenden ist benutzt: Die Schriften des Uriel da Costa. Mit Einleitung, Uebertragung und Regesten herausgegeben von Carl Gebhardt 1922.