Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
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14 Zur Bibel Wissenschaft Spinozas und seiner Vorläufer Können und vorzüglich gegen die Theorie begründet ist, ist seine Kritik wesentlich transzendent; sie stammt nicht aus dem Gehorsam und aus dem Glauben, Jeder kritischen Argumentation, jeder anderen Voraussetzung Spinozas liegt die Ueberzeugung voraus, daß man in theoretischer Haltung, außerhalb des Vollzugs von Gehorsam und Glauben, über die Wahrheiten der Religion urteilen könne. Im Zusammenhang der Religionskritik und der mit ihr gegebenen kritischen Frage wird der Wille und die Bereitschaft zu theoretischer Kritik, zur Theorie überhaupt problematisch; nach dem Warum der Theorie, als nach dem Warum des Ungehorsams und des Unglaubens, wird gefragt. Dieses Warum liegt vor aller Theorie; es ist nicht eine theoretische Einsicht oder Ueberzeugung, sondern ein Motiv. Die Frage: wie ist Religionskritik überhaupt möglich? zwingt dazu, zwischen Theorie und Motiv zu unterscheiden. Auf diese Unterscheidung verweist auch die innere Gliederung von Spinozas Religionskritik. Spinoza bedarf, worauf er selbst ausdrücklich hingewiesen hat, verschiedener Methoden je für die Kritik an der Offenbarung und für die Kritik am Wunder; die Kritik an der Offenbarung ist ein ,,theologisches", die Kritik am Wunder ist ein „philosophisches" Problem; das aber heißt: die Religionskritik gliedert sich in theoretische Kritik an theoretischen Behauptungen der Religion und in der Religion immanente (sich auf die Schrift berufende) Kritik an der Voraussetzung der Religion, die das Recht der Theorie selbst in Zweifel zieht. Nur unter Zugrundelegung der Unterscheidung zwischen Motiv und Theorie läßt sich die geschichtliche Tatsache verstehen, daß der Religionskritik der Aufklärung, obwohl sie dem eigentlichen Wollen der Offenbarungsreligion in fast vollständiger Blindheit gegenüberstand, ein beträchtlicher und dauernder Erfolg beschieden war. Erst die Reflexion auf die Möglichkeitsbedingungen der Religionskritik führt zu der in Rede stehenden Unterscheidung, die dem Denken Spinozas fremd ist. Zugegeben, daß die Beziehungslosigkeit zwischen dem Motiv der Religionskritik und den Motiven der Offenbarungsreligion selbst der Religionskritik das entscheidende Gewicht nimmt, so sind doch die verschiedenen, zur Religionskritik zwingenden Motive hinsichtlich ihres Ranges und ihrer Kraft, insbesondere hinsichtlich ihres Verhältnisses zur Theorie und zur theoretisch begründeten Religionskritik, verschieden. Zum Zweck der prinzipiellen Disposition der durch Spinozas Religionskritik aufgegebenen Fragen empfiehlt sich die Orientierung an dem Typus der Epikureischen Religionskritik. Dieser nicht erst durch eine idealisierende Abstraktion gewonnene, sondern geschichtlich tatsächliche und geschichtlich wirksame Typus erweist sich als extremer Fall der Religionskritik, vorzüglich deshalb, weil hier der Primat des Motivs offenbar, bewußt und ausdrücklich ist. Die Theorie der Epikureer dient wesentlich dem Zweck, die Menschen von der Götterfurcht und der Todesfurcht zu befreien. Das Epikureische Motiv ist das Interesse an der Leichtigkeit und Schreckenlosigkeit des Lebens; dieses Interesse lehnt sich gegen die Furcht