Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 Zur Bibelwissenscfaaft Spinozas und seiner Vorläufer eben darum zum Angriff untüchtig wären; sondern der leidenschaftliche Glaube an das Recht und die Wahrheit seiner Sache zwingt jeden der beiden Gegner, wie es gar nicht anders sein kann, zum Angriff: der gegnerischen Position wird jedes Recht bestritten. Noch beruhigt man sich nicht bei der säuberlichen Scheidung von Religion und Theorie; sondern auf der einen Ebene der einen, ewigen Wahrheit kämpfen Offenbarungsreligion und Aufklärung den Kampf auf Leben und Tod. Orientieren wir uns über die Angriffswaffen der beiden Gegner. Spinoza beruft sich für seine Lehre auf sein eigenes Urteil; mit Verachtung spricht er von denen, die es für fromm halten, der Vernunft und dem eigenen Urteil nicht zu trauen: das sei reine Torheit, nicht Frömmigkeit. Er kann sich die Skepsis der Gegner gar nicht anders erklären als daraus, daß diese Angst haben, Religion und Glauben ließen sich nicht verteidigen, wenn die Menschen sich nicht mit Fleiß in völliger Unwissenheit hielten und die Vernunft gänzlich verabschiedeten. In jedem Fall beruhigt er sich bei dem, was ihm der Verstand zeigt, ohne jeden Verdacht, daß er sich dabei getäuscht habe. Mag immer im System Spinozas dieses Vertrauen sich in tieferen Voraussetzungen rechtfertigen: im Zusammenhang der Religionskritik liegt allen konkreten Einwendungen das Vertrauen zu der eigenen Ueberlegung, der hochherzige Glaube an den Menschen und seine allerhöchste Kraft: die Vernunft, als oberste Bedingung vorauf. Gegen dieses Vertrauen, gegen die Bereitschaft, sich bei den menschlichen Fähigkeiten zu beruhigen, wendet sich die radikale Kritik Calvins. Das typische Hindernis für die Selbsterkenntnis des Menschen sieht er in dessen natürlicher Neigung, sich selbst zu schmeicheln, in seiner mehr als blinden Eigenliebe. Aus dieser natürlichen Neigung stammt die Ueberzeugung des größten Teils der Menschen: hominem sibi abunde sufficere ad bene beateque vivendum. Die Menschen neigen dazu, sich bei ihren Gaben zu beruhigen, in sich selbst auszuruhen, mit sich zufrieden zu sein; mit sich zufrieden sein kann aber nur der Mensch, der sich selbst nicht kennt, dessen Gewissen nicht geschärft genug ist, der nicht, durch den Hinblick auf Gottes Majestät in seinem Gewissen erschüttert, in äußerster Verwirrung am Boden liegt. Die Unfähigkeit und Unbereitschaft zu radikaler Erschütterung des Gewissens erkennt Calvin auf dem Grunde des Selbstvertrauens, des Glaubens an die Suffizienz des Menschen, der die Voraussetzung für die Uninteressiertheit an Offenbarung ist. Diese Kritik schmeckt nach theologischer Polemik; sie vergröbert die Meinung des Gegners, wenn sie so wiedergibt: hominem sibi abunde sufficere etc.; wenn sie den Zustand, in dem die Philosophen das Lebensziel weniger erlauchter Geister sehen, von fast allen Menschen tatsächlich erreicht sein läßt; wenn sie die — zum mindesten nach ihrer eigenen Auffassung — sehr wenig vulgäre Absicht der Philosophen auf eine sehr vulgäre Neigung reduziert. Auf diesen Charakter der Kritik muß mit einigem Nachdruck hingewiesen werden: ebenso wie Calvin den Glauben an die Suffizienz des Menschen