Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 Zur Bibel Wissenschaft Spinozas und seiner Vorläufer gesetzte Ueberzeugung, das Mißtrauen gegen die menschliche Ueberlegung, für den „Rationalisten*4 Maimuni wahrlich nicht charakteristisch sei. Dieser Einwand zieht seine Kraft aus der Vergleichung der Position Maimunis mit den anderen innerhalb der Offenbarungsreligion möglichen und wirklichen Positionen, Aber diese Betrachtungsweise ist unangemessen, wenn nach der charakteristischen Differenz zwischen Spinoza, als dem Leugner der Offenbarungsreligion, und Maimuni, als dem Anhänger der Offenbarungsreligion, gefragt wird. Nur durch Anzweiflung oder durch Einschränkung des Rechts der souveränen menschlichen Ueberlegung ist die Notwendigkeit der Offenbarung zu legitimieren. Dafür, daß in der Anthithese: Suffizienzglaube — Insuffizienzglaube, der Kern des Gegensatzes zwischen Spinoza und der Offenbarungsreligion (und insofern auch des Gegensatzes zwischen Spinoza und Maimuni) erfaßt wird, sprechen folgende Erwägungen. Alle gegenständlichen Einwendungen gegen die Lehren der Offenbarungsreligion setzen die Ueberzeugung voraus, daß die nur sich selbst folgende menschliche Ueberlegung fähig und berechtigt sei, über die Offenbarimg zu richten; die Begründung dieser Ueberzeugung muß also der Kritik an den Lehren der Offenbarung vorausgehen; zum mindesten muß der Zweifel an der Suffizienz der menschlichen Ueberlegung vorher behoben werden. Ferner: wenn durch philosophische Kritik der Glaube an einen Gott, der ein Gesetz offenbart habe, oder wenn durch historische Kritik der Glaube an die Offenbartheit des Mosaischen Gesetzes zerstörbar oder gar zerstört sein sollte, so wäre damit noch keineswegs das Interesse an Offenbarung, das in der Ueberzeugung oder der Einsicht begründet ist, daß das menschliche Leben in sich selbst sei es völlig direktionslos ist, sei es zulänglicher Direktion ermangelt, zerstörbar oder zerstört. Daher liegt es dem Kritiker, der den Glauben an die dem menschlichen Interesse an Offenbarung entgegenkommende oder dieses Interesse allererst weckende übermenschliche Offenbarung erschüttert hat, der sich daher die Aufgabe stellen muß, die angebliche Offenbarung eines Gottes als Menschenwerk zu verstehen, aus den Gesetzen der menschlichen Natur herzuleiten, nahe, die Analyse der Offenbarungsreligion mit der Tatsache beginnen zu lassen, die von der Offenbarungsreligion selbst her als menschliches Korrelat der übermenschlichen Off enbarung erscheint: von der Unzulänglichkeit des Menschen zur Leitung des Lebens. So verstehen wir, daß Spinoza dem theologisch-politischen Traktat, dessen grundlegender Teil der Kritik an der Offenbarungsreligion gewidmet ist, in der Vorrede eine Kritik des Interesses an Offenbarung, eine Kritik der offenbarungs-religiösen Insuffizienz-Erfahrung vorausschickt. Zusammenfassend charakterisieren wir Spinozas Kritik an Maimuni folgendermaßen: Spinoza bestreitet vom Boden der Theorie aus die Vereinbarkeit von Theorie und Schrift; #die Trennung der „Philosophie" von der Theologie44, der Theorie von der Schrift ist das Ziel, dem seine Ktitik zusteuert; dabei treten teils innere Schwierigkeiten, teils geschichtliche Bedingt-