Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Zur ßibelwissenschaft Spinozas und sedner Vorläufer 9 des Supremats der Theorie, das Interesse an Offenbarung überhaupt bedeutet. Schärfer: ist das Interesse an der Theorie das höchste, jedes andere Interesse aufsaugende oder entwertende Interesse des Menschen, und reicht der Verstand, das natürliche Organ der Theorie, zur vollkommenen Theorie aus — was soll dann die Offenbarung? Die Frage geht nicht auf den Glauben an die Offenbarung, der für sich theologische, heilsökonomische und historische Gründe in Hülle und Fülle anführen können mag, sondern darauf, ob es für den Theoretiker prinzipiell möglich ist, an der Offenbarung vorbeijzuleben. Wird diese Möglichkeit eingeräumt, so ist der Offenbarungsglaube ein Bestandteil der intellektuellen Ueberzeugungen des Theoretikers, aus dem sich übrigens die wichtigsten Konsequenzen für den Inhalt seiner Theorie, vor allem doch ein spezifischer Gottesbegriff, ergeben mögen, ja, ergeben müssen: für sein Leben, für sein höchstes und ausschließliches Interesse, für den Vollzug seiner Theorie bedeutet die Offenbarung nichts; er bedarf der Offenbarung nicht. Diese Möglichkeit also muß eingeräumt werden, wenn die Unübertreff barkeit, ja, wenn nur die Zulänglichkeit der eigenen Ueberlegung des Theoretikers zur vollkommenen Theorie behauptet wird. Nun läßt sich als typisch nachweisen, daß die im Zusammenhang der Offenbarungsreligion auftretende Theorie bei dem Versuch, die eigene, auch inhaltlich durch die offenbarungs-religiöse Tradition bestimmte Theorie gegenüber der ungläubigen Theorie der Philosophen zu sichern, prinzipiell das Recht der allein auf sich selbst gestellten menschlichen Ueberlegung in Zweifel zieht. Dies gilt denn auch für Maimuni. Seine spekulative Praxis deutet auf folgende Gesamtansicht des Verhältnisses von Vernunft und Offenbarung: die Wahrheiten der Offenbarung sind identisch mit den Wahrheiten der Vernunft, d. h., sie sind der menschlichen Vernunft einsichtig; damit ist nicht gesagt, daß die ungeleitete, sich selbst überlassene menschliche Vernunft von sich aus alle fundamentalen Wahrheiten hätte aufdecken können. Aristoteles, der Philosoph, hat doch wesentlich nur die sublunarische Welt in ihrer Wahrheit erkannt. Es ist kein Zufall, daß die entscheidende Korrektur, die Maimuni an der Aristotelisch-Neuplatonischen Theologie vornimmt: die Behauptung der Weltschöpfung, eine Korrektur dieser Theologie im Sinn der Schrift ist. Gewiß, Maimuni begründet das Schöpfungsdogma; er erweist, daß die Weltschöpfung plausibler ist als die Weltewigkeit. Aber er ist sich bewußt, daß zu einer vollkommenen Lösung dieser Frage menschliches Können nicht zureicht. Di« ungeleitete menschliche Vernunft bewegt sich in bezug auf eine fundamentale Frage, von deren Entscheidung Sein oder Nichtsein der Offenbarungsreligioa abhängt, prinzipiell in der Gefahr des Irrtums. So fordert Maimuni angesichts dieser Grenze menschlicher Ueberlegung Vorsicht und Verdacht gegenüber der menschlichen Ueberlegung, so verweist er auf die durch Prophetie begründete Tradition. Als charakteristische Voraussetzung der Religionskritik Spinozas erfassen wir also die Ueberzeugung von der Suffizienz der menschlichen Ueberlegung zur vollkommenen Theorie. Man kann einwenden, daß die entgegen-