Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Zur Bibelwissenschaft Spinozas und seiner Vorläufer 7 von der Wahrheit der Schrift, die Schriftauslegung betreibt, die elementaren Erfordernisse der theoretischen Haltung vermißt. Er staunt über die Bedenkenlosigkeit, mit der jener die offenbarsten Gegeninstanzen negiert oder verfälscht, über die Zügellosigkeit, mit der er die Schrift seinen Meinungen anpaßt. — Ebenso wie Spinozas Lehre vom göttlichen Gesetz, so schließt auch seine Lehre von der Prophetie den Nachweis einer fundamentalen inneren Schwierigkeit der Position Maimunis in sich. Auch hier ist der Anschluß an die entsprechende Lehre Maimunis offenbar und längst (von M. Joel) festgestellt worden. Maimunis Prophetologie entstammt der Schwierigkeit, in die der Glaube an die Wahrheit der Schrift angesichts der handgreiflichen Unwahrheit zahlreicher Schriftstellen gerät; z. B. sind Veränderungen der Himmelsbewegungen, wie das Josua-Wunder, nach der Physik des Aristoteles unmöglich. Die sich hier darbietende Unterscheidung von wörtlichem, uneigentlichem, bildlichem Sinn und eigentlichem, wahrem Sinn der Schrift zwingt dazu, den Akt des prophetischen Erfassens in der Weise vorstellig zu machen, daß von ihm her die innere Wahrheit und zugleich der bildliche Ausdruck der prophetischen Rede verständlich wird. So lehrt denn Maimuni, die Prophetie sei eine Emanation aus Gott, die sich vermittelst des tätigen Verstandes zuerst über den Verstand und sodann über die Einbildungskraft des Propheten ausbreite. Im prophetischen Akt wirkten Verstand und Einbildungskraft zusammen; und zwar sei jedes der beiden Vermögen in sich selbst über das gewöhnliche Maß hinaus gesteigert. Der entscheidende Einwand Spinozas besagt, daß, bei der — auch von Maimuni anerkannten — Gegensätzlichkeit von Verstand und Einbildungskraft, eine ungewöhnliche Steigerung der Einbildungskraft eine ungewöhnliche Herabminderung der Fähigkeit zu reinem Verstehen nach sich ziehen muß. Dieser Einwand zielt auf eine innere Schwierigkeit der Prophetologie Maimunis. Daß die Kritik in diesem Fall Maimuni nicht trifft, liegt daran, daß Spinoza eine ganz andere Auffassung und Bewertung der „Einbildungskraft" mitbringt, daß er so die Pointe der Prophetologie Maimunis verkennt. Hiervon abgesehen, ist die Tatsache von grundsätzlicher Bedeutung, daß für die Auseinandersetzungen des Traktats die theologischen (der philosophischen Lehre von Gott und seinen Attributen entnommenen) Argumente sehr wenig bedeuten: in Maimunis Prophetologie spricht der für ihn — im Verhältnis zu Spinoza — charakteristische Gottesbegriff nur insofern mit, als nach dieser Lehre Gott die Aktualisierung der prophetischen Potenz nach seinem Gutdünken hemmen kann; und von diesem charakteristischen Vorbehalt ist in Spinozas ganzer Kritik nirgends die Rede. Die nähere Prüfung des Mißverständnisses Spinozas in seiner Kritik an Maimunis Prophetologie läßt eine tiefere Voraussetzung hervortreten, welche zwar die Radikalisierung des theoretischen Interesses begünstigt, aber nicht aus diesem Interesse selbst herzuleiten ist. Nach Maimunis Lehre ist das Zusammenwirken der Einbildungskraft mit dem Verstand im prophetischen.