Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Zur Bibel Wissenschaft Spinozas und sedner Vorläufer 5 Offenbarungsreligion: so widerlegt er die Möglichkeit der Offenbarung; er weist nach, daß es Gottes Wesen widerstreitet, ein Gesetz zu offenbaren. Aber gerade dieser radikalere Teil der Kritik ist nicht immanent. Mag es sich immer für Spinozas Bewußtsein so verhalten, daß sich seine Position auf dem Wege immanenter Weiterbildung, auf dem Wege strengen Poigerns aus der Position Maimunis herleitet; mag er immer glauben, aus (nach seiner Behauptung) allgemein zugestandenen Theologemen in strenger Folgerung Ergebnisse zu gewinnen, durch welche die offenbarungs-religiöse Position aufgehoben wird: dieser Glaube hat keinen Grund in den Tatsachen. Spinozas Kritik der Möglichkeit der Offenbarung folgt aus dem Satz; In Gott sind Verstand und Wille eines und dasselbe; mit diesem Satz ist die Leugnung der Schöpfung, der Gesetzgebung und des Wunders gegeben. Der Satz begegnet auch bei Maimuni; und so hat man eine wesentliche Uebereinstimmung zwischen Maimuni und Spinoza feststellen zu dürfen geglaubt. Nicht eben zum Ruhme Maimunis. Indessen zeigt sich bei näherem Zusehen, daß es nicht derselbe Satz ist, den Maimuni aufstellt, und den Spinoza seiner Religionskritik zu Grunde legt. Nicht die Theologie Maimunis also ist der Boden für Spinozas Kritik an der Offenbarungsreligion. Sucht man diesen Boden, so muß man auf diejenigen Voraussetzungen des erwähnten Identitätssatzes zurückgehen, mittels deren Spinoza die Position Maimunis, den Glauben an einen in Freiheit schaffenden und begnadenden Gott untergräbt; diese Voraussetzungen sind in der Ethica entwickelt. Die ausführliche Auseinandersetzung im Traktat verweist jedoch auf eine andere, unmittelbarere Voraussetzung, die überdies den Vorzug hat, von Maimuni selbst anerkannt zu sein. Wir meinen die Maimuni und Spinoza gemeinsame Auffassung der Theorie: die Theorie ist als Voraussetzung und Element der Gotteserkenntnis und damit der beatitudo das höchste, jedes andere Interesse aufsaugende oder entwertende Interesse des Menschen. Ausgehend von dem Charakter der Theorie als solcher, macht Spinoza die Spannung zwischen der Theorie und der Schrift (genauer: der Thorah) offenbar: die Thorah wendet sich an eine Gruppe von Menschen, an eine besondere Gruppe von Menschen, indes die Theorie prinzipiell Sache jedes Menschen als einzelnen ist. Maimuni vermeidet diese Folgerung mittels seiner Lehre vom göttlichenGesetz. Danach besteht die Funktion des göttlichen Gesetzes darin, daß es mittels einer Gesetzesordnung die den heterogenen Lebenszielen der wenigen Weisen und der vielen Unweisen dienenden Mittel bestimmt. Die Thorah bezweckt die höchste Vollkommenheit der wenigen, die Theorie, und zugleich die soziale Organisation und die diesem sekundären Zweck dienende Sittigung der vielen. Der Zweck der Offenbarung, sofern er nicht schlechthin mit der Theorie identisch ist, ist also die soziale Organisation der Menge. Für Maimuni verhält sich die Sorge um die Menge zur Theorie nicht nur wie Mittel zu Zweck — in dem Sinn, daß die soziale Organisation, die äußere Sicherheit des Lebens conditio sine qua non für das theoretische Leben sei —, sondern es liegt ihm wesentlich daran, daß die funda-