Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Zur Bibelwissenschaft Spinozas und seiner Vorläufer wie Tüchtigkeit und Ohnmacht, wie Freiheit und Knechtschaft, wie geistliche und fleischliche Gesinnung. Ein anderes ist die Religion der Menge, der Aberglaube, die offizielle Lehre der Theologen — ein anderes die reine, nicht durch böswillige Auslegung verfälschte Lehre der Propheten, der Psalmen, der Proverbien, des Evangeliums und der Paulinischen Briefe, Auf diese Lehre der „alten Religion", deren sich die Priester bemächtigt, und die sie aus Habsucht und Eitelkeit entstellt haben, beruft sich Spinoza zur Bekämpfung des „Aberglaubens", der die zeitgenössischen Kirchen völlig beherrscht, Spinoza bekämpft nach seiner eigenen Auffassung also nicht die Religion, sondern den Aberglauben — der Aberglaube aber ist nichts anderes als die positive, die Offenbarungsrelion in ihren mannigfaltigen Formen —; nicht die Schrift, sondern die offenbarungs-religiöse Auffassung und Verwendung der Schrift; er sieht seine Religionskritik als immanente Kritik an. Die Position Spinozas und die mit ihr gegebene Religionskritik setzt sich in der Lebensgeschichte Spinozas und im Buchzusammenhang des Traktaks durch vermittelst der Kritik an der Position Maimunis. Nun ist aber der Position Maimunis die Kritik an einer „naiveren" Position immanent, an eben der Position, die Spinoza als Aberglauben perhorresziert, und über die Maimuni nicht viel milder urteilt als jener. Auf Grund der kritischen Auflösung der Position Maimunis stößt Spinoza auf die von Maimuni „überwundene", „naive" Position, die Gegenstand einer von der Kritik an Maimuni scharf zu trennenden Kritik wird. Die „naive" Position tritt Spinoza eigenständig entgegen in der Calvinischen Orthodoxie seiner Zeit. Die Religionskritik Spinozas vollzieht sich demnach in zwei Etappen: erstens als Kritik an der Position Maimunis, zweitens als Kritik an der Position der Calvinischen (oder einer ihr entsprechenden jüdischen) Orthodoxie. Die Kritik an der Position Maimunis ist wissenschaftliche Kritik an wissenschaftlichen Behauptungen, und als solche der Position Maimunis immanent; denn Maimuni beruft sich zur Begründung seiner Lehre nicht so sehr auf die Schrift als auf die Vernunft; geradezu erschließt er sich erst durch Auslegung der Schrift auf die von der Vernunft ohne Rücksicht auf die Schrift erkannte sachliche Wahrheit hin den wahren Sinn der Schrift. Die Vernunft wird auf diese Weise nur scheinbar selbständig gegenüber der Schrift; zwar wird der Einspruch gegen Ergebnisse der vernünftigen Forschung, der sich auf einzelne, wenn auch noch so zahlreiche Schriftstellen beruft, unmöglich gemacht; aber die in Maimunis Schriftauslegung wirksame Voraus- Setzung: daß die Schrift wahr, weil offenbart, sei, dirigiert die theologische Spekulation auf einen bestimmten Gottesbegriff hin. Die Tatsache der Offenbarung ist Voraussetzung. Diese Voraussetzung bekämpft Spinoza erstens* durch philologisch-historische Kritik am Kanon und an der Ueberlieferung: so bestreitet er den Offenbarungscharakter der Schrift, die Tatsächlichkeit der Offenbarung; zweitens durch philosophische Kritik an dem Gottesbegriff der