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Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · 7 (1926) · p. Seite 3

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Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
7 (1926)
Date
1926-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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IRI
…/2707513-2707524--256-2707825
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Zur Bibel Wissenschaft Spinozas und seiner Vorläufer 3 Wissenschaft vorauf. Zufolge dieser Bedingtheit gewinnt die Bibelwissenschaft Spinozas ein größeres Interesse, als es einer bloß wissenschafts-geschichtlichen Tatsache zukäme: sie ist ein wichtiges Moment in jener universalen Bewegung, die man Religionskritik der Aufklärung nennt, Ist diese Kritik, ist Spinozas Kritik an der Offenbarungsreligion nun aber selbst etwas anderes als wissenschaftliche, als theoretische Kritik? Nach der Auffassung Spinozas ist sie nichts anderes. Diese Auffassung muß ernst genommen und sehr erwogen werden; aber sie darf uns nicht binden. Mit immanenter Analyse kann man sich vielleicht begnügen, wenn es sich um die Interpretation der Ethica handelt; aber da, wo der Lebens- und Denkzusammenhang Spinozas über sich selbst hinausgreift, wo er die Kritik eines anderen Zusammenhangs unternimmt, steht er unter einer anderen Norm als der ihm selbst immanenten; durch das Unternehmen der Kritik stellt er sich unter das Gericht der Frage; ob er den kritisierten Zusammenhang trifft oder verfehlt. Erst indem diese Frage gestellt wird, treten die charakteristischen Voraussetzungen der Kritik hervor. Zugleich damit wird Spinozas Gesamtauffassung seiner Kritik, nämlich, daß sie theoretische Kritik sei, sein könne, in Frage gestellt. Die Religionskritik ist die Voraussetzung der Bibelwissenschaft Spinozas; die Religionskritik ihrerseits ist die Konsequenz des in der Ethica entwickelten Systems. Streng genommen, ist die Religionskritik gar nicht von dem System unterschieden; denn die Wahrheit ist die Norm ihrer selbst und des Falschen. Durch den positiven Aufbau des Systems ist die Religion widerlegt, ist bewiesen, daß die Behauptungen der Religion Irrtümer sind. So sind die letzten Voraussetzungen der Religionskritik Spinozas identisch mit den Definitionen und Axiomen der Ethica (oder äquivalenten Sätzen). Wenn sich Spinoza nun — wiewohl es nicht seine Gewohnheit ist, die Irrtümer anderer aufzudecken — um die ausführliche Widerlegung der Religion bemüht, so liegt dies daran, daß die Behauptungen der Religion Vorurteile sind, die dem Verständnis seiner Beweise hinderlich sein können; die Behauptungen der Religion sind notwendige, in der menschlichen Natur begründete, aus den Köpfen und aus den Herzen der meisten Menschen nicht auszurottende Irrtümer. Denn mit den Irrtümern der Religion — des Aberglaubens, wie Spinoza zu sagen pflegt — und ebenso mit den Wahrheiten der Philosophie ist es nicht so bestellt, daß der Mensch an ihnen vorbeileben könnte; vielmehr zwingt ihn sein ursprüngliches und einziges Streben: das Streben, in seinem Sein zu beharren, entweder zu diesen Wahrheiten oder zu jenen Irrtümern. Das Selbsterhaltungsstreben treibt ursprünglich die Leidenschaften hervor, in die es sich verrennt, in denen es sich selbst aufhebt: die Leidenschaften gefährden unser Sein; aus der Situation, in der das Selbsterhaltungsstreben sich in das Streben nach sinnlichem Glück, nach zeitlichen Gütern verloren hat, stammt die Religion; hingegen erfüllt sich das radikal verstandene Selbsterhaltungsstreben in der Theorie. Theorie und Religion sind die beiden einander entgegengesetzten Möglichkeiten des Menschen, die sich so steil gegenüberstehen

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