Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Zur Bibelwissenschaft Spinozas und seiner Vorläufer schlechthin vorbildlich ist und in eben dieser Hinsicht in der neueren Spinoza- Literatur seinesgleichen nicht hat. Freilich hat Cohen, der selbst von dem Geist des großen Zeitalters der Aufklärung wie nur wenige seiner Zeitgenossen erfüllt war, und diesen Geist an zahlreichen und wichtigen Stellen seiner Schriften voll Eifers bezeugte, in seiner Kritik an Spinoza — beirrt, wie es scheint, durch seine Einsicht in den tieferen Gegensatz — das eigentliche Anliegen Spinozas, das eben mit dem Anliegen der Aufklärung wesentlich identisch ist, und das eigentliche Angriffsziel Spinozas, verkannt. Nicht gegen den „Monotheismus des Judentums", nicht gegen die „soziale Ethik der Propheten" wendet sich Spinoza, sondern gegen die Offenbarungs-Religion in allen ihren Formen. So muß denn, im Sinn der durch Cohen vollzogenen Radikalisierung des Fragens, die Analyse des theologisch-politischen Traktats, als einer radikalen Kritik der Offenbarungs-Religion, nochmals unternommen werden. I. Die Bibelwissenschaft Spinozas ist zuvörderst eine wissenschaftsgeschichtliche Tatsache. Unbestrittenermaßen gebührt Spinoza das Verdienst, die Konstitution der Bibelwissenschaft als einer „voraussetzungslosen" Wissenschaft vollzogen zu haben. In den einschlägigen Kapiteln des Tractats theologico-politicus bestimmt er die fundamentalen Forschungsziele und Forschungswege der neuen Disziplin; daselbst stößt er zu fundamentalen, in der weiteren Entwicklung der Disziplin nie wieder angefochtenen Resultaten vor. Die Bibelwissenschaft ordnet sich ein dem Ganzen der hermeneutischen Disziplinen. Was nun aber die Einsicht in die Erfordernisse der Hermeneutik überhaupt angeht, so steht die Leistung des Traktats weit, sehr weit zurück hinter dem, was etwa Erasmus von Rotterdam als notwendig begriff. Die wissenschafts-geschichtliche Leistung des Traktats erschöpft sich also in der Konstitution einer Einzelwissenschaft. Mit dieser Feststellung verfehlt man man offenbar den eigentlichen Sinn der Leistung Spinozas. Denn offenbar hat die Konstitution der Bibelwissenschaft eine tiefere Bedeutung als die Konstitution beispielsweise der Einzelwissenschaften, die sich die Erforschung der ägyptischen oder der assyrischen Denkmäler zur Aufgabe machen. Nun — diese tiefere Bedeutung des Traktats besteht gerade nicht in seiner wissenschafts-geschichtlichen Leistung. Einmal vorausgesetzt, die Bibel sei ihrer Herkunft nach prinzipiell ein literarisches Dokument wie jedes andere, so ist sie wie jedes andere literarische Dokument wissenschaftlich zu behandeln, so ordnet sie sich von vornherein den Gegenständen der Geisteswissenschaften mit deren prinzipiell einheitlicher Methodik ein, so haftet der Konstitution der Bibelwissenschaft keine prinzipielle Schwierigkeit mehr an. Die Begründung dieser Voraussetzung, die Kritik an der entgegengesetzten, offenbarungs-religiösen Voraussetzung, die Kritik an der Offenbarungsreligion überhaupt liegt also der Konstitution der Bibel-