Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
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22 Probtcmc der jüdifd>=fpanifd>en Gefcbicbte ergriffen. In Kaftilien lehrten die Bürgerkriege während der fünfziger und fecbziger Jahre, daß der Jude vogelfrei fei. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts mehren fich im Nordoften die Prozeffe wegen Hoftienfchändung, Blasphemien u. ähnl. Die Akten zeigen, in welch trauriger Verblendung die Judenfeinde dabei zu Werke gingen. Dazwifcben zucken an allen Orten die Flammen gewalttätiger Revolten auf. Wie die große Kataftropbe des Jahres 1391 ausgebrochen ift und fich im einzelnen abgefpielt bat, das ift immer noch nur in ungleichmäßiger und lückenhafter Weife aufgeklärt. Gewiß ift nur, daß die Predigten eines Geiftlichen in Sevilla bewußt feit langen Jahren den flufftand vorbereitet und herbeigeführt haben, und daß von dort die Unruhen, z. T. durch wandernde Banden, durch ganz Kaftilien und in die Seeftädte der Oftküfte getragen wurden. In Kaftilien war die Regentfchaft, die den im Kindesalter ftehenden König vertrat, nicht einheitlich genug, um wirkfam eingreifen zu können. In flragonien bot der human gefinnte König Juan I. wohl die damals zu Gebote ftehenden Mittel zum Scbut* der Juden auf, aber er war machtlos. Wie die Peft von 1348 wälzte fich das Unheil langfam und unwiderftehlich vorwärts. In den Großftädten beteiligten fich alle Klaffen der Be« völkerung an den Husfchreitungen. Die ftädtifcben Behörden trafen zwar Maßregeln zum Schuf) der Juden, aber waren zu fchwach, fie durchzuführen, und aus fpäteren Verhören ergab fich, daß in einzelnen Städten auch Mitglieder des Rates fchuldig waren. In Katalonien ift an der Bewegung deutlicher ein Einfchlag wirtfchaftlicher, fozialer und politifcher Natur zu erkennen. Die in fchwerer Hörigkeit gehaltene Bauernfcbaft benu^te die Gelegenheit, die Gerichtsarchive zu ftürmen und Schuldfcheine und Prozeßakten zu vernichten. Huf den Balearen entluden fich unverkennbar die erften Ausbrüche der großen Bauernrevolution des 15. Jahrhunderts. In Gerona fcheinen Gegenfä^e zwifchen den Zünften und dem Rat hineingefpielt zu haben, ähnlich wie in Deutfchland zur Zeit des Schwarzen Todes. Es wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Urfachen der Kataftrophe, daß fich die großen Handelsftädte Barcelona, Valencia und fpäter auch Mallorca mit Erfolg der Gründung einer neuen jüdifchen Gemeinde widerfe^t haben, was fich freilich mit dem Wunfeh, die „Handelsberrfebaft" einer fremden Raffe abzufchütteln, nicht einfach erklären läßt: denn ein namhafter Teil der wohlbekannten jüdifchen Familien blieb nach Annahme der Taufe in der Stadt wohnen und wurde in Barcelona hundert Jahre fpäter eifrig vom Magiftrat gegen die Inquifition in Scbutj genommen, fille Urfachen, die fich für die Verfolgung im einzelnen aufdecken laffen, find nur Begleitmotive des „heiligen Krieges gegen die UngläubigenDas Ziel war die Bekehrung der Juden, und wo diefes erreicht war, hörte das Morden auf. Es ift auch das einzige Ziel, das in den Akten immer wieder unverbüllt diskutiert wird. Damit ift das Problem berührt, das der fpanifeben Judenfrage während des 15. Jahrhunderts und darüber hinaus ihr befonderes Gepräge gab. Die Zahl der 1391 während der Verfolgungen abgefallenen Juden war außer-