Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
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Probleme der judifcb»fpanifcben Gefcbicbte Deutungen mußten natürlich die Gegenfätje zwifeben Juden und Cbriften auf das febärffte hervorheben. Das find vor allem Fragen der Wecbfelbeziebung zwifeben den gebildeten Spitzen der jüdifchen und ebriftlicben Gefellfcbaft. Viel febwieriger ift es, Klarheit zu gewinnen über die gegenfeitige Beeinfluffung der niederen Bevölkerung. Von dem hier gefaßten Standpunkt aus wird es das größte Problem fein, die Kabbala in die Sektengefcbicbte des Mittelalters einzugliedern. Die alten orientalifeben Weltfcböpfungs- und Erlöfungslebren find auf unbekannten Wegen nach Europa gelangt und haben hier während des 12. und 13. Jahrhunderts große religiöfe Bewegungen verurfaebt, deren unterirdifeber Zufammenhang mit der Entftehung der mittelalterlichen Kabbala unterfucht werden muß. Von diefen Kreifen genährt, aber nicht auf fie befdbränkt find die meffianifeb-efebatotogifeben Erwartungen, ohne die das Leben keines mittelalterlichen Juden zu denken ift. Man erwartet täglich die Aufbebung eines in feiner Furchtbarkeit nicht zu überbietenden Zuftandes. Aber der Glaube an Weltgericht und Welterneuerung ift Eigentum der gefamten mittelalterlichen Menfcbheit. Er knüpft fieb an beftimmte, aftrologifcb errechnete Jahre, an welterfcbütternde Ereigniffe, wie die Kreuzzüge oder den Einfall der Tataren, und er beruft fieb auf Propbetien, die aus den Händen dex Juden in die der Cbriften und umgekehrt gewandert find. Diefelben Hoffnungen und Hngfte machten häufig Juden und Cbriften erbeben, trugen gleichzeitig zur Verbindung und Trennung der beiden Kulturkreife bei. Die Meffias-Idee war der entfebeidende Punkt in den Auseinanderfet^ungen zwifeben Juden und Cbriften. Spanien ift das klaffifebe Land der religiöfen Disputationen, die zur Verbetjung beitrugen und zu den wilderten Ausfcbreitungen Anlaß gaben, aber doch auch beide Parteien nötigten, fieb mit den Anfcbauungen der Gegner zu befaffert und fie bis zu einem gewiffen Grade verftehen zu lernen. Ramon Lull (um 1300) hat vielleicht von Jehuda hailewis Kufari Anregungen empfangen. Der cbriftlicbe ift dem jüdifchen Dichter verwandt in der Stärke und Reinheit feiner religiöfen Poefie und der echt mittelalterlichen Humanität feines Strebens, dem Andersgläubigen nach Möglichkeit gerecht zu werden. In feiner Schrift „Von dem Heiden und den drei Weifen* * legt er einem Juden den Ausfprucb in den Mund: „Die mit Demut gepaarte Kraft im Herzen der Juden befiegt und überwältigt die mit Stolz gepaarte Kraft im Herzen der Cbriften und Sarazenen." Bei den jüdifchen Apologeten des fpanifeben Mittelalters wird die Polemik zur beißenden Satire, wenn fie fieb gegen Abtrünnige richtet. Aber in Zeiten des furebibarften Kampfes haben Cbasdai Crescas und ProfetDuran (um 1400) gegen den dogmatifeben und biftorifeben Gehalt der ebriftlicben Lehre Schriften verfaßt, die fowobl an Ruhe wie an Kritik das Höchfte leiften, das überhaupt dem Mittelalter möglich war. Die Propaganda ging jedoch über die Fehde des Wortes hinaus. Nicht nur beidnifebe Sklaven wurden zum Judentum bekehrt; auch Cbriften traten hier und da freiwillig zum jüdifchen Glauben über. Viel häufiger aber war der Abfall von Juden zum Chriftentum, 2*