Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 20)
- Language
- German
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18 Probleme der jüdifcb*fpanifcben 6efcbicf)te find. Das einzige in ficb vollendete, wahrhaft poetifcbe Werk eines fpanifchen Juden aus fpäterer Zeit find bezeichnenderweife die Moralfprüche des Sem Tob de Carrion (Mitte des 14. Jahrhunderts), kaftilianifch gefcbrieben, aber faft in jeder Zeile die jüdifche Herkunft verratend.1) (Sie wurden übrigens auch nachweisbar in jüdifcben Kreifen gelefen, der Hutor gehört einem bekannten hebräifchen Dichterkreis an.) Der Verfaffer diefer ernften und doch anmutigen Epigramme verehrt in frommen Worten die Gefetjniäßigkeit der großen Natur. Der vergängliche, ewig wecbfelnde Menfch befiijt für ihn nur zwei dauernde Güter: die gute Tat und die Erkenntnis der Natur, das Wiffen, das in koftbaren, die Geifter verbindenden Büchern aufgefpeichert ift. Solch individuellen Reiz befitjen die unter dem Namen des Salomo de Piera und Salomo Bonfed gefammelten, in Zaragoza und Umgegend um die Wende des 14. Jahrhunderts entftandenen hebräifchen Dichtungen nicht. Sie find den fpanifchen Cancioneros ihrer Zeit verwandt, befonders in ihrer grammatifch-philofophifchen Gelehrfamkeit, der ficb bei den Juden noch die talmudifche zugefeilt, in ihrer poetifchen Verarmung, die allerdings bei den Juden größer ift, und in ihrer nicht endenden Fähigkeit zu reimen. flbgefeben von ihrem kulturgefchichtlichen Intereffe find diefe Gedichte nur von wirklichem Wert, wenn fie die erfcbütternden Ereigniffe der Zeit berühren, über Verfolgung und Hbfall klagen und ficb um Aufrichtung der verängftigten Seelen bemühen, - oder wenn fie, in der Art der zeitgenöffifchen Satire, das Gemeindeieben mit unglaublicher Schärfe geißeln. Es fehlt den hebräifchen Dichtern im Gegenfatj zu den chriftlichen - wenn man von den durch die Religion gegebenen Differenzen abfieht — das Motiv der Erotik und die lateinifch - humaniftifche Bildung. Durch diefe immer wieder fichtbaren Unterfchiede der Bildung wird auch die Verfdbiedenheit praktifcher und ideeller Lebensziele charakteriftifch beleuchtet. Es laffen ficb bis je§t nur vereinzelte und verfpätete Beifpiele des Anteils der Juden an der humaniftifchen Bewegung auf weifen, welche die fpanifcbe Literatur feit dem Ende des 14. Jahrhunderts ergriff. Die Chriften pflegten mit einer gewiffen Geringfchä^ung zu betonen, daß die Juden in der lateinifchen Literatur ungebildet feien. Sie genoffen ebenfowenig die juriftifche Bildung ihrer Zeit; eine gewiffe Kenntnis des berrfchenden Rechts erwarben fie ficb nur aus der Praxis. Sie waren fchließlich mit dem hiftorifchen und politifchen Werden ihrer Umwelt nicht innerlich verwachfen, fo fehr fie doch faktifch in die Staatshändet verwickelt wurden. Die Verfucbe jüdifcher Chroniftik des Mittelalters find erftaunlicb naiv und dürftig. Es gab freilich ein hiftorifches Denken für den mittelalterlichen Juden. Man forderte von ficb Klarheit über die hiftorifchen Hufgaben des Judentums und maß fie an dem gefchicbtlichen Denken und den hiftorifchen Wendepunkten der cbriftlicben Welt, über diefe 1) Hm fcbönften ift die Eigenart diefes jüdifcben Dichters von dem großen fpanifd>en Literaturbiftoriker und Denker Marcelino Menendez Pelayo gewürdigt worden, deffen Feder wir überhaupt das einzig Wertvolle über das Verhältnis der Juden zum fpanifchen Geistesleben verdanken. Ihm fchließe ich mid> auch in der obigen Charakteriftik an.