Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 82% known words query
- IRI
…/2707513-2707526--208-2707776- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Probleme der jüdifcf>*fpanifcben Gefcbicbte 17 atabifcbe Sprache wird bei den Juden erft allmählich während des 13. und 14. Jahrhunderts durch das Idiom der Eroberer verdrängt, aber das ift ein Prozeß, der fich in ziemlich gleicher Weife bei ftarken Schichten der chriftlicben Bevölkerung vollzieht. Keineswegs hat die arabifche Sprache bei den fpanifcben Juden fo weitergelebt, wie fpäter die fpanifche und portugiefifche Sprache bei den vertriebenen Sefardim oder die deutfcbe Sprache unter den polnifchen Juden. Man darf aus diefem Umftand entnehmen, wie aufgefcbloffen die Juden gegenüber den cbriftlicb=mittelalterlicben Kulturverbältniffen waren, und in der Tat war die islamifcbe Kultur feit dem Ende des 13. Jahrhunderts auf der Pyrenäenhalbinfel nicht mehr eine lebendige Macht. Allerdings blieben die Juden die Vertreter eines wichtigen Zweiges der arabifchen Kultur, nämlich der Wiffenfchaft. Das war für die foziale Stellung der Juden nicht unwefentlich. Sie genoffen an den bildungseifrigen Höfen der Könige und des Hdeis als Überfe^er, flftronomen und Rftrologen und als ftrzte hohe Schätzung, und auch die ftädtifdben Hrzte und Chirurgen wurden noch am Vorabend der Vertreibung aus den Reihen der Juden genommen. DemHftronomenkreife um fttfonfo den Weifen (1252 - 1284), den Kartographen von Mallorca vom Ende des 14. Jahrhunderts, die enge Beziehungen zum aragonifchen Königshofe hatten, wird noch heute von Fachmännern eine große Bedeutung für die Entwicklung der geographifch=aftronomifchen Wiffenfchaft und der großen Entdeckungen der Spanier und Portugiefen zugefchrieben. Jüdifche flftrologen waren die Begleiter und Berater einer Reihe von Herrfchern aus den ver« fcbiedenen Staaten der Halbinfei von Hlfonfo VI. vonKaftilien (um 1100) an bis zu den legten Königen des Mittelalters. Es gab einen Kreis hochgebildeter und gelehrter Männer unter den Juden, der gefellfchaftlich und geiftig den Ge» bildeten unter fldel und Bürgerfchaft nicht fern ftand. Chriften und Juden diskutierten miteinander nicht nur über Fragen der Fachwiffenfchaft, fondern auch über die Probleme der Popularphilofophie, die damals die Gemüter befcbäftigten. Man fand gemeinfame Grundlagen, wenn auch im einzelnen die Quellen des Wiffens und die Hrt der Lebensanwendung fich unterfcbieden. Huf cbriftlicher Seite ließ man fich gern die Erläuterungen jüdifcber Kommen* tatoren zu ftrittigen Bibelverfen vortragen. Man unterhielt fich über religiöfe Dogmen, nicht um fich zu bekämpfen, fondern um fich geiftreich zu zerftreuen. Die Parabel von den Ringen hat an fpanifcben Königshöfen, wenn nicht ihre Wiege, fo doch mindeftens eine echte zweite Heimat gehabt und bis zu den legten Jahren vor der Vertreibung behalten. Chriftliche und jüdifche Dichter taufcbten verbindliche oder boshafte Verfe aus, im 13. nicht weniger als im 14. und 15. Jahrhundert. Rber diefe Gegenüberftellung läßt fcbon ftärker die Verfchiedenheit der fich berührenden Welten erkennen. Ein poetifcbes Genie wie Jehuda hallewi hat das fpanifche Juden« tum auf cbriftlicbem Boden nicht wieder hervorgebracht. Es fehlten diefem gebrochenen Körper und gedemütigten Geift die unbändigen Triebe, ohne die alle großen Schöpfungen, befonders diejenigen des Südens im Mittelalter nicht denkbar 2