Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
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16 Probleme det jüdifcb*fpanifd>en Gefchichte wenn man gegen fie einzufchreiten drohte, ihre ebriftlicben Freunde gegen die Gemeinde aufwiegelten. „Er befi^t eine folebe Macht in der Stadt", fagte man in der Mitte des 14. Jahrhunderts von einem foleben ,Maffor' (Denunzianten), der zwei Generationen hindurch die Juden von Toledo in Schrecken gehalten hatte, ,daß er die Gemeinde umbringen kann/' Solchem Bilde gegenüber wirkt es faft beruhigend, eine etwa gleichzeitige, wohl auf Barcelona gemünzte Satire zu lefen, welche nicht nur die Ruswüchfe des Reichtums und der Macht unter den Vorftebern der Gemeinde, fondern auch die kleineren Eitelkeiten der andern Honoratioren, der Mathematiker, Philofophen, Ftrzte, Rftrologen, Grammatiker und Dichter geißelt. Ruch fonft laffen fich den häßlichen Zügen wohltuende gegenüberftellen. Von frommer Hingabe und fozialer Betätigung zeugen Nachrichten über Synagogen und Chewroth, die fich in den kleinften Landgemeinden naebweifen laffen, über Bemühungen der Gemeinden um tüchtige Rabbiner und Lehrer, über Fürforge für den Unterricht der Jugend und ihre Fortbildung auf den Jefchiwoth, Stiftung von öffentlichen Bibliotheken, fin« ftellung von Gemeindeärzten, Gründung von Hofpitälern ufw. Daß freilich die jüdifdMpanifcbe Gefellfchaft des Mittelalters nicht weniger als die cbriftlicbe voll kraffer Widerfprüche war, kann man nicht überfeben, wenn auch aus den Urfachen begreifen. Die jüdifche Gemeinde follte nicht weniger dem Körper als dem Geift des Judentums dienen. Nach außen hatte fie faft ftändig einen Kampf auf Leben und Tod in des Wortes härtefter Bedeutung zu führen, ohne eigentlich Waffen der Verteidigung zu befitjen. Ihr einziger Scbufj lag in den Händen einzelner einflußreicher Perfönlicbkeiten, von deren Gefinnung alles abhing. In das Innere der Gemeinde drangen durch alle Poren die wilden egoiftifeben Inftinkte der Zeit. Sie zu bändigen und im Rahmen der rauben Lebensbedingungen einer hohen Hufgabe entgegenzuführen, war die Pflicht der wirklich berufenen Führer, die aber ebenfalls und naturgemäß von den Schwächen der Zeit, dem Mangel an Weitblick und organifatorifeber Kraft, ergriffen wurden. Und doch ift die jüdifche Gemeinde des Mittelalters kein finnlofes Durcheinander widerftreitender Kräfte, fondern ein nach eigenen Gefetjen waebfender Organismus gewefen. IV. Jüdifcbes und cbriftlicb^mittetatterlidbes Geiftesleben. Die Beziehungen der Juden zum Geiftesleben des ebriftlicben Mittelalters find noch wenig unterfuebt, und es können hier auch nur mit großem Vor* behalt die Verbindungslinien angedeutet werden, vor allem, foweit üe für das foziale Leben von Bedeutung waren. Man darf den Zufammenhang der fpanifchen Juden des fpäteren Mittelalters mit der arabifeben Kultur nicht über« febätjen. Schon im 12. Jahrhundert macht fich im Norden neben dem arabifeben der cbriftlicbe Einfluß auf das jüdifche Denken geltend, und jüdifche Privatverträge vom finfang des 13. Jahrhunderts aus der Umgegend von Toledo geben bereits das Gewohnheitsrecht der ebriftlicben Bevölkerung wieder. Die