Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
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6 Probleme der jüdifd>*fpanifcben Gefcbicbte zur Kultur des cbriftlichen Mittelalters in größerer Schärfe zu beleuchten. Es fehlt bisher an Verfuchen, diefe Beziehungen zu einem beftimmten Kulturbegriff, befonders zu einem fo inbaltreicben und abgegrenzten wie dem des cbriftiichen Mittelalters, zufammenzufaffen. Man bat das Judentum gerade hier bisher zu wenig in feinen konkreten Zufammenhängen mit der zeitgenöffifcben Denk« und Lebensweife gefehen. Vor allem hat man noch nicht entfchieden genug die Frage nach der fubjektiven Einftellung des Juden zur Gefamtheit der mittelalterlichen Lebensprobleme aufgeworfen, die Frage, wie der Jude» bewußt oder unbewußt, feine hiftorifche Aufgabe innerhalb der mittelalterlichen Welt erfaßt. Der Wunfeh, hierauf eine Antwort zu finden, muß allen bifto« rifchen Einzeiunterfuchungen die Richtung geben. Von diefem Punkt aus wird die Stellung des mittelalterlichen Judentums zu beftimmen fein. Das ift eine Angelegenheit, die über den Kreis eines hiftorifchen Spezialproblems hinaus Intereffe beanfprueben darf. Das europäifche Mittelalter hat freilich im Rahmen der jüdifchen Gefcbicbte nicht den Sinn einer felbftändigen, in fieb abgefchloffenen Epoche. Es ift hier, von einer höheren Warte aus gefehen, nur ein Ausfcbnitt aus der größeren Einheit, die fpäteftens mit dem Untergang des jüdifchen Staates beginnt und bis an die Gegenwart heranreicht. Aber auf diefem weiten Wege eines hiftorifchen Lebensprozeffes war die Wanderung durch das chriftliche Mittelalter, das alle guten und böfen Keime der talmudifchen Zeit bis zur legten Konfequenz ausgebildet hat, nicht vom Zufall gewiefen. Erft unter dem Joch einer Macht, die felber ein religiöfes Lebensideal verkörperte, konnte das Martyrium feinen tiefften Sinn erhalten. Als mit dem Anbruch der neueren Zeit in der Außenwelt die unbedingte Herrfchaft der Religion zu wanken begann, verlor auch die bisherige Auffaffung von den hiftorifchen Aufgaben des Judentums nach und nach ihren Sinn. So betrachtet, waren die Juden des Mittelalters die legten Juden, die fich mit Recht als Träger, ja als Vollender der prophetifchen Gefchichtsidee von dem für die Erlöfung der Völker leidenden Gottesknecht fühlen durften. Wie fie diefe Idee im harten Leben bewährt haben und inwiefern und warum nicht, das ift die letjte Frage des Hiftorikers. Die hier zu behandelnde Periode beginnt mit den Anfängen der Wiedereroberung der Pyrenäenhalbinfel durch die Chriften, d. h. in Wirklichkeit mit dem 10. Jahrhundert, da aus den beiden vorhergehenden Jahrhunderten faft alle Nachrichten über die fpanifchen Juden fehlen. Damals regten fich zum erften Male die Keime der fpäteren europäifchen Nationen, und gleichzeitig trat auch überall die Eigenart des mittelalterlichen europäifchen Judentums hervor. Die Vertreibung der Juden vom Boden der Pyrenäenhalbinfel fchließt die Gefcbicbte der Juden in Spanien im wefentlichen ab. Sie zerfällt in drei Epochen. Die erfte umfaßt das Zeitalter der Reconquifta, in dem die aus der maurifchen Invafion übrig gebliebenen Refte chriftlicher Staaten fich wieder nach Süden im Kampf gegen die Araber ausbreiten. Die Juden des mobammedanifchen Spanien wandern in zeitlich zunehmendem Maße nach Norden aus oder werden