Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4-5 (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 78% known words query
- IRI
…/2707513-2707528--171-2707738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jebuda Hatlewi und Gazali 41 kennen vermag, fo können auch des Herzens Gebreeben und Gebreften nur dureb fpezififebe Mittel gebeilt werden, dureb Handlungen genau umfebriebener Hrt, deren wirkfame Kraft wir uns verftandesmäßig niebt zu erklären vermögen, deren Hnweifungen wir aber von den Propbeten vertrauensvoll an» nebmen müffen. Das find die religionsgefeftlicb bis in die kleinften Einzelbeiten geregelten Kultbandlungen: die vorgefebriebene Zahl der Gebete, die Hlmofenfteuer, das Faften, die Wallfahrt und vieles andere. Ibre Wirkung beftebt darin, daß dureb fie der Glaube, die Ebrfurcbt vor Gott und das Gute im Menfcben geftärkt, das Lafter gebannt wird- Sie find alfo Hilfsmittel der religiöfen Etbik; im Gefüge der Gazalifeben „Religionswiffenfcbaft" nimmt die Lebre von den religionsgefet^licben Handlungen etwa die Stelle der Propädeutik ein. Ibr Verbältnis zur Erkenntnis kennzeichnet der Safe „Die Vernunftwiffenfebaften gleicben der Nabrung, die OfFenbarungswiffenfcbaften der Arznei". Der Inbalt des religiöfen Seins, die Subftanz, an der üch die Seele reebt eigent* lieb aufbaut, ift die Erkenntnis, dureb fie bat der Menfcb am Göttlichen teil; das religiöfe Handeln fübrt nur zur Vollkommenheit im negativen Sinne, zur Fleckenlofigkeit der Seele. Beide Momente, Weltfeindlicbkeit und Betonung des religiöfen Wertes der Erkenntnis, find Jebuda Hallewi fremd. „Bei uns fcbließt fieb der Fromme niebt von der Welt ab, daß er niebt der Welt zur Laft werde und die Welt ihm, daß ibm niebt das Leben verbaßt werde, das doeb eine Gottesgabe ift . . . Nein, er liebt das Leben und wünfebt fieb ein bobes fllter, weil es ibm zum Jenfeits verbilft" - fo wird die Schilderung der jüdifeben Frömmigkeit im Kufari eingeleitet. Daß auch bieiv das Jenfeits das ewige Sein, gegenüber der kurzen Lebensfpanne als Ziel bingeftellt wird, ift begreiflich. Jebuda Hallewi ift aber beftrebt, den Unterfcbied zwifeben dem diesfeitigen und dem jenfeitigen Leben des ifraelitifcben Frommen möglicbft gering erfebeinen zu laffen. Der Fromme kann febon im Diesfeits die Seligkeit der Gottesnäbe, die das Sebnfucbtsziel aller Religionen ift, genießen. Diefes feiige Verbundenem mit Gott ift auch für Jebuda Hallewi verknüpft mit der Schau einer „höheren Welt"; und es findet fieb auch im Kufari die Bemerkung, daß auf jener höcbften Seinsftufe das Wahre ohne die Mühe des Studiums erfaßt werde. Aber hier haben wir es nur mit noch nicht überwundenen Reften der die Gemüter mächtig beberrfebenden neuplatonifcb-ffufifeben Gedankenwelt zu tun. Nirgends erfebeint bei Hallewi die Erkenntnis als felbftändiger religiöfer Wert, niemals ruft er dazu auf, ein Wiffen, fei es rationaler oder myftifcber Herkunft, zu erftreben. Seinen Gegenfafe zur peripatetifchen Weltanfcbauung bat er gerade in diefem Punkte als entfebeidend empfunden und mit Recht den Gott, den feine Seele febnfücbtig fucht, einen andern genannt als den Gott, den des Hriftoteles Verftand erklügelt. Bei Gazali ift in der Theorie von den beiden Wegen, in der Gleicbfe^ung pro* pbetifeber Schau mit myftifcber Gnofis und wiffenfebaftlicber Erkenntnis, der innere Unterfcbied diefer Gottesgedanken verwifebt.