Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4-5 (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 41)
- Language
- German
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38 Jehuda Kallewi und Gazati nicht erft den Glauben wie die Offenbarung am Sinai und die Übergabe der Tbora das Judentum oder wie die fogenannten Heilstatfacben das Cbriftentum. In die Richtung des Univerfalismus weifen übrigens ihrer Struktur nach auch die Syfteme der meiften jüdifchen Religionsphilofophen; und es ift gerade Jehuda Hailewis eigentümliche Leiftung, daß er das Problem der gefebiebttieben Sonderftellung des Judentums klar erkannt und mit den Mitteln der zeit« genöffifeben Pbilofopbie zu löfen verhiebt bat. Freilich bat feine Begründung der Religion dadurch etwas Äußerliches. Seine Lehre von der auf Israel be« febtänkten religiöfen Hnlage zeigt eine unverkennbare Ähnlichkeit mit modernen Raffetheorien. Hber fie fuebt nicht wie diefe, aus dem Raffedünkel geboren, paffende Tatfacben erft tendenziös zu konftruieren; fondern fie hat fid> aus den durch die Bibel für ihn gegebenen Tatfadben heraus, wonach wahre Gottes« erkenntnis, Prophetentum, übernatürliche Scbickfalsfügung nur in Israel zu finden war, Jehuda Hallewi unmittelbar aufgedrängt. Dennoch liegt ihmeine rigorofe Durchführung der Theorie fern. Nicht nur, daß er, jüdifcher Tradi* tion getreu, auch den Frommen der anderen Nationen Hnteil an der ewigen Seligkeit zuerkennt — während Gazali, dem mobammedanifeben Dogma ge« maß, die „Ungläubigen*1 von der Seligkeit ausfcbließt -; er mildert auch feinen Grundgedanken dabin, daß der Proselyt dem Juden gleich werden könne bis auf das Le^te und Höcbfte, die Fähigkeit zur Prophetie, und es fcheint, daß er auch diefe letzte Schranke fallen läßt für die meffianifebe Zeit, da Israel alle Völker, gleichwie ein Same das Erdreich, aus dem er die Pflanze auf» baut, zu feinesgleichen umgewandelt haben wird. Unter dem bisherigen Gefichtspunkt ließ fich nur die Hußenfeite des Unterfchiedes beider Lebren von der Religion kennzeichnen. Um feinem Wefen näher zu kommen, müffen wir einen kurzen Blick auf diejenigen Grund« anfebauungen Gazalis werfen, die er felbft dem „OfFenbarungswiffen" (d. b. der Myftik), alfo nicht der eigentlichen Wiffenfcbaft zurechnet und die er in der Haupt* fache dem neuplatonifch-ffufifeben Gedankenkreife entlehnt hat. Gazali unter* fcheidet in der Regel — von komplizierteren Theorien fei hier abgefeben — zwei Seinsbereicbe: die „Welt der Herrfchaft (des Himmelreichs) "oder „Welt des Ver« borgenen" und „die Welt des Beberrfcbten" oder „Welt des Sinnfälligen". Die eine ift das Reich des Geiftigen, die andere das der Körper. Nur der erften diefer Welten kommt ein Sein im wahren Sinne zu, die andere ift nur ein Schatten, ein Abbild von ihr. Kein Ding der fiebtbaren Welt ift ohne Vorbild in der unfiebtbaren; doch kann das einzelne viele folcher Vorbilder haben, wie auch einer der geiftigen Wefenbeiten viele irdifebe Hbbilder zugeordnet fein können - offenbar handelt es fich um eine Welt der Ideen als wirkender geiftiger Subftanzen im neuplatonifchen Sinne. Das menfcblicbe „Herz" nun - fo bezeichnet Gazali nach ffufifchem Sprachgebrauch meift die Seele — entftammt der „Welt der Herrfcbaft" und ift in die Körper weit wie in ein fremdes Land verfcblagen. Damit ift ihm die Fähigkeit und zugleid) die Pflicht gegeben, fieb zur Geifteswelt und dadurch zur Gottesnähe wieder zu erheben.