Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4-5 (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 82% known words query
- IRI
…/2707513-2707528--166-2707733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
36 Jehuda Hallewi und Gazali Auch der menfchlicbe Wille kann in dem Weltmechanismus nicht mehr als ein Glied fein. Von einem freien Willen des Menfcben darf nicht die Rede fein; fpricht man von einer Wahl, einem Entfcbluß, fo bedeutet das nur, daß in dem Menfcben, mit Notwendigkeit, ein Wollen auftritt, nacbdem fein Verftand, ebenfalls gezwungenermaßen, eine Handlung für gut befunden bat. Die Willensbandlung unterfcbeidet ficb alfo vom Naturgefcbeben nur dadurch, daß ibr Bewußtfeinsvorgänge als Bedingungen ibres Wirkliebwerdens vorangeben. Der Menfcb kann wollen; aber er kann nicht wollen, was er will, fondern nur, was Gott ihm beftimmt. Eine fo ftreng determiniftifebe Weltanfcbauung war mit dem Islam, deffen Sinn als „Ergebung (in den göttlichen Willen)" febon durch den Namen an» gedeutet wird, wohl vereinbar und trat weder zum religiöfen Volksbewußt« fein noch zur berrfebenden Theologie in fühlbaren Widerfpruch. fluch die Häupter des arabifeben flriftotelismus, fllfarabi und flvicenna, bekennen ficb zum Determinismus. Das Judentum, die Religion der frommen Tat, ift auf den freien Willen gegründet und läßt ficb ohne Gewaltfamkeit nicht mit einer determiniftifchen flnfehauung vereinigen. So find faft alle jüdifeben Denker für den freien Willen eingetreten, unter ihnen auch Jehuda Hallewi. Sein Ver« fueb, die menfcblicbe Willensfreiheit aufrechtzuerhalten, ohne doch die gött« liebe Urkaufalität und flllwiffenbeit aufzuheben, enthält keinen fruchtbaren Gedanken und ift hier ohne Intereffe. Die Verteidigung des freien Willens war aber überhaupt unmöglich von einer fo ftreng meebaniftifeben RufFaffung des Weltgefcbehens aus, wie wir üe bei Gazali fanden. In der Tat finden wir im Kufari eine durchaus abweichende Kaufalitäts« lehre, fluch hier wird alles Sein und Werden auf Gott als erfte Urfacbe zurückgeführt. Aber während für Gazali jeder Vorgang in der Welt, welcher Art er auch fei, geradezu als von Gott gefchafFen gilt, unterfcbeidet Jehuda Hallewi febon im Naturgefcbeben Abftufungen des göttlichen Einfluffes. Schon die pflanzlichen und tierifeben Entwicklungs« und Lebens Vorgänge, die in ihrer Zweckmäßigkeit und Zielftrebigkeit noch deutlich das Kennzeichen des göttlichen Weltordners tragen, kommen nicht mehr unmittelbar durch Gott, fondern durch Mittelurfachen zuftande. Noch weiter vom göttlichen Willen entfernt find die« jenigen Vorgänge, die des Merkmals der Zweckmäßigkeit entbehren und ihre Entftehung dem Zufall verdanken. In einem fo abgeftuften Kaufalfyftem konnte der freie Wille eher Pla§ finden als in der einheitlichen Theorie Gazalis. Diefer Einteilung liegt jedoch noch ein anderes Motiv zugrunde. Dadurch, daß das Naturgefcbeben als ein abgeleitetes gekennzeichnet wird, entfteht die Möglichkeit, ein übernatürliches Gefcheben als unmittelbar von Gott bewirkt dagegen abzugrenzen. Tatfachen eines folchen find durch die Gefcbicbte des jüdifeben Volkes an die Hand gegeben, und zwar von dreierlei Art: Offen« barungsakte, Einzelwunder und die wunderbare Fügung des Volksfchickfales gemäß dem religiöfen Verhalten der Gefamtheit anftelle von Zufalls« und Natur« urfacben. Jehuda Hallewis pbilofopbifcbes Bemühen ift es nun, diefe über«