Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · 4-5 (1924) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
4-5 (1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 35 (sequence 38)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
83% known words query
IRI
…/2707513-2707528--165-2707732
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jehuda Hallewi und Gazali 35 mal die objektiv gegebene Grenze des Möglidben - ein Moment, das die Stelle der Materie im Syftem der Hriftoteliker einnimmt -, als zweite aber eine vom Willen felbft gefegte Schranke, die Hllgüte der Gottheit. Hbnlicb Leibniz (teilt fcbon Gazali die Thefe auf, daß die exiftierende Welt die befte mögliche fei; denn hätte Gott — fo argumentiert er — eine beffere zu fchaffen vermocht, aber nicht gewollt, fo wäre er nicht allgütig, fondern unterläge dem Vorwurf des Geizes; wäre aber eine beffere Welt möglich und Gottes Güte nicht imftande, £ie zu verwirklichen, fo würde ihm die Hilmacht fehlen, die zum Begriff der Gottheit gehört. Zweck des Weltorganismus ift, „das äußerfte mögliche Maß des Guten zu verwirklichen, fo wie es die göttliche Güte bedingt". Gott ift „der durch fein Wefen notwendig Exiftierende, durch den alles, deffen Exiftenz möglich ift, in der beften Ordnung und größten Vollkommenheit ins Dafein gerufen wird". So führt bei Gazali gerade das religiöfe Intereffe zu einer Einfcbränkung des göttlichen Willens, der ihm vom rein wiffenfcbaf Hieben Geficbtspunkt aus als fchrankenlos gelten durfte, während wir bei Jebuda Hallewi das Umgekehrte bemerkt hatten. Im Kern ftimmen jedoch die tieferen Huffaffungen beider vom göttlichen Wirken überein: in Gott fällt Freiheit und Notwendigkeit zufammen, weil der göttliche Wille, der mit der Rllgüte identifcb ift, fieb felbft zum Gefet} macht, die befte Weltordnung zu verwirklichen. Neben diefer Verwandtfchaft, die auf die gemeinfame Wurzel im Neu« platonismus zurückzuführen ift, zeigen die Lehren beider Philofophen vom Wirken der Gottheit aber auch tiefgehende Unterfchiede. Gazali kennt kein anderes Wirken als das göttliche. In klaren Worten formuliert er bereits die Erkenntnis, die fich für uns hauptfächlich an David Humes Namen heftet, daß wir aus der Erfahrung niemals mehr als eine wiederholte, „gewohnheits» mäßige" zeitlich »räumliche Verbindung von Dingen entnehmen können, nicht aber eine urfäcblicbe Verknüpfung. Trot* diefer Huflöfung der empirifchen Kaufalität hält Gazali das Kaufalprinzip aufs entfehiedenfte aufrecht und führt es mit ftrengfter Folgerichtigkeit durch. Hlle Veränderungen und alles Veränderliche, alfo die Welt in ihrer Gefamtheit, fordert eine Urfache; die Dinge aber, die wir als Urfache anzufeben pflegen, müffen ihrerfeits wieder „Urfacben" haben, und fo hinauf bis zu der einen erften Urfache, zu Gott. Durch die erfte Urfache allein ift demnach fcbon das gefamte Weltgefchehen beftimmt, ihr allein kommt daher ein eigentliches Wirken und Handeln zu. Die ewige göttliche Kraft wirkt aber nicht regellos: fie entfaltet fich im zeitlichen Nacheinander nach feftem Gefetj; ihr Wirken im einzelnen Falle ift ftets an Bedingungen geknüpft, die erft reftlos erfüllt fein müffen, damit ein Vorgang ftatthaben kann. Die Welt ift ein ungeheurer Mechanismus; wiederholt wird fie von Gazali mit einer kunftvollen, Stunden fchlagenden Wafferuhr verglichen, in deren Mechanik die einzelnen Teile in geregelter Hbfolge in Bewegung kommen, aber nur eine Kraft, die Schwerkraft des Waffers, wirkfam ift: fo durchwaltet die göttliche Kraft allein das Weltall, doch in wohlberechneter, unveränderlicher Ordnung. 3*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.