Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4-5 (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/2707513-2707528--162-2707729- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
32 Jebuda Hallewi und Gazali daß gerade von ihren Vorausfetjungen aus die Grundwahrheiten der Religion nicht zu beweifen feien. Die Beweife für die traditionellen Hauptdogmen, die er felbft in zweien feiner Schriften beibringt, hat er zwar allem flnfebein nach nicht für exakt gehalten, fondern ihnen nur einen relativen Wert für die prak* tifche Apologetik beigemeffen; jedenfalls aber ift er der Anficht, daß es einzel* nen fluserwäblten gelingen könne, duref) völlig exakte Beweife unter Husfebluß jeder Irrtumsmöglichkeit zur legten Gewißheit über die Glaubens Wahrheiten zu gelangen. Von einer Unterfcbeidung zwifchen Glauben und Wiffen kann alfo keine Rede fein. Gazali will auch nicht etwa als Kriterium des Wiffens auf (teilen, daß es von jedermann eingefehen werden müffe, wenn er die aus« einandergehenden Meinungen der einzelnen Philofophen auf metapbyfifcbem Gebiet gegenüber ihrer Einigkeit in der Mathematik und Logik hervorhebt; berichtet er felbft doch gerade, daß manche Verteidiger der mohammedanifchen Dogmen auch die matbematifeben Wiffenfcbaften der Griechen glaubten an« greifen zu müffen; ja, er warnt fogar einmal ausdrücklieb davor, eine Wiffenfchaft wegen der Uneinigkeit oder der Unzulänglichkeit ihrer Vertreter zu mißachten. Gazalis grundfalsche Stellung zur Metaphyfik ift demnach weder als Kritizismus noch als vollftändige Skepfis zu bezeichnen; nur von einer gewiffen fkeptifchen Tendenz kann gefprochen werden. Von Jehuda Hallewi gilt in diefer Hinficbt kaum anderes. In der prinzipiellen Beurteilung der Metaphyfik der „Philofophen" im Gegenfa^ zu ihrer Logik und Mathematik fchließt er fich Gazali völlig an. Hucb bei ihm. befchränkt fich die Polemik nicht auf inbalt* lieb abzulehnende Theorien, fondern richtet fich unter anderem auch gegen die Beweife für die Subftantialität und UnVergänglichkeit der Seele, eine auch von ihm angenommene und wiederholt verwendete Lehre, die er nur als zwingend bewiefen nicht anerkennen will. In der Frage der Weltfchöpfung geht er fogar über Gazali hinaus. Während man bei diefem den Eindruck hat, daß er die zeitliche Enftehung der Welt nicht nur dialektifch, fondern pbilofopbifd> zureichend beweifen zu können glaubt, fpricht Jehuda Hallewi es kühn aus, daß die Beweife für und gegen die Ewigkeit der Welt einander die Wage halten. Wäre nicht das Motiv ein ganz anderes, fo könnte man verfucht fein, in diefer Erkenntnis einen allererften Schritt in der Richtung der Kantifcben Hntinomien zu fehen. Fiber die Bemerkung zielt nicht darauf, aus dem Widerftreit der Beweife auf einen Fehler in den legten Vorausfetjungen zu fchließen, fondern will die Unzulänglichkeit der Mittel des reinen Denkens in diefer Frage. feftftellen. So fieht Jehuda Hallewi auch die rationalen Beweife für das Dafein Gottes allgemein nicht als ausreichend an. Mit diefer Zurückdrängung der Vernunfterkenntnis fchafft er Raum nicht für einen eigenen Wahrheitsbereich des Religiöfen, fondern für feine Begründung der Wahrheit des Judentums als der echten Religion aus den wunderbaren Ereigniffen der israelitifchen Ge* fchichte: erft die Durchbrechung der Naturordnung durch das Wunder liefert den vollgültigen Beweis, daß die Welt von einer über diefer Ordnung flehen«