Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 4-5 (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 31)
- Language
- German
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28 Jehuda Hallewi und Gazali Die Frageftellung Jehuda Hallewis läßt fich verftcben aus den religiöfen Verbältniffen einer Zeit, in der bei den pbilofopbifcb Gebildeten das Intereffe für die eigene Religion von dem allgemeinen pbilofopbifcben Lebensideal verdrängt zu werden drohte und die Unterfcbiede zwifcben den pofitiven Religionen für fie zu verblaffen fcbienen. Zu dem Rationalismus diefer Hnbänger der „Pbilofopbie" - fo nannte man vorzugsweife einen mehr oder weniger neuplatonifcb verfemten flriftotelismus — trat feine Lehre in entfcbloffenen Widerfprucb, obwohl er felbft in erheblichem Maße unter dem Einfluß ihrer Theorien ftand. Schwerlich aber hätte fich ein Mann, der mehr durch künftlerifche Schöpferkraft und Gefühlsinnigkeit als durch Schärfe des Denkens hervorragte, dem Banne jener Weltanfchauung, die feinen geiftigen Kreis beberrfchte, hinfichtlich ihrer Grundtendenz zu entziehen vermocht, ohne daß zuvor ihre theo« retifchen Grundlagen durch einen überragenden Geift erfchüttert worden wären. Das war etwa ein halbes Jahrhundert vor der Entftehung des „Kufari" durch den vielleicht bedeutendften Denker und religiöfen Führer des Islams gefchehen, durch Fibu Hamid al Gazali. Es ift David Kaufmanns Verdienft, Jehuda Hallewis Beziehungen zu Gazalis Lehre eingehend nachgewiefen zu haben. Aber fchon Kaufmann hat deffen Einfluß überfchä^t; und allmählich ift der irrige Eindruck entftanden, als fei Jehuda Hallewis Lehre wefentlich eine Übertragung Gazali« fcher Gedanken auf jüdifches Gebiet, fo daß man den Verfaffer des Kufari fogar als den „jüdifchen Gazali" bezeichnet hat. So wird es nicht ohne Intereffe fein, einmal die Lehren beider Männer in ihren Grundzügen gegenüberzuftellen, foweit fie eine Vergleichung geftatten, und auch die Unterfcbiede ihrer pbilofopbifcben und religiöfen Gedankenwelt zum Bewußtfein zu bringen.x) Dabei ergibt fich für Gazali eine Schwierigkeit: in feinen zahlreichen, aus verfcbiedenen Perioden feines Lebens ftammenden Schriften finden wir nicht feiten widerfprechende Hnfchauungen und Forderungen. Einer eingehenderen Darftellung feiner Lehren, die auf wiffenfchaftliche Exaktheit Hnfpruch machen wollte, müßte eine genaue Unterfuchung über die Chronologie feiner Werke vorangeben, wie fie bisher noch nicht geleiftet worden ift. Es fcheint jedoch, daß faft noch mehr als durch die innere Entwicklung Gazalis durch den Zwie« 1) Die bedeutfamften Geficbtspunkte zum Verhältnis Gazalis und Jehuda Hallewis find bereits von J. Guttmann (Feftfcbrift zum fünfzigjährigen Befteben der Hocbfcbule für die Wiffenfcbaft des Judentums, Berlin 1922) herausgearbeitet worden. Der Annahme einer weitgehenden Abhängigkeit Jehuda Hallewis von Gazali auf pbilofopbifcbem Gebiet ift zuerft David Neumark, befonders in feiner Monographie „Jehuda Hallewi's Philosophy in its principles" (Cincinnati 1908), entgegengetreten. Ferner fei genannt: Emil Berger, Das Problem der Erkenntnis in der Religionsphilofophie Jehuda Hallewis, Berlin 1916. Über Gazali belehrt neuerdings am beften: J. Obermann, Der philofophifche und religiöfe Subjektivismus Ghazalis, Wien u. Leipzig 1921. Die unten vorgetragene Auffaffung Gazalis weicht von der Obermanns mehrfach ab; zum Teil follen hier aber nur andere Seiten an Gazalis Wefen ftärker hervorgehoben werden. Allen genannten Schriften ift die folgende Studie verpflichtet.-Das bei beiden Denkern befonders fchwierige und dunkle Problem der göttlichen Attribute ift hier abfichtlich beifeite gelaffen.