Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Bericht des wissenschaftlichen Vorstandes 35 gegen reichen die vorhandenen und zugänglichen Hilfsmittel bei den in Frage kommenden Schriften dazu aus, den Sinn des Textes eindeutig festzustellen und die Grundlagen für eine treue und zuverlässige Übersetzung zu schaffen. Wir besitzen eine Reihe von Editionen der arabisch geschriebenen Werke im Urtext, die z. T. von ausgezeichnetem Werte sind, zum anderen Teile wenigstens in Verbindung mit den hebräischen Übersetzungen ein sicheres Vordringen zu der Intention des Autors gestatten. Wo wir gute arabische Texte besitzen, wird sich vielleicht die seit langem als Notwendigkeit erkannte kritische Ausgabe der hebräischen Übersetzungen ermöglichen lassen* Um den Zugang zum Verständnis der Texte zu schaffen, sollen den Übersetzungen ins Deutsche Einleitungen vorangehen, die in die literarische Form und den gedanklichen Inhalt der übersetzten Werke einführen und die problemgeschichtliche Lage erläutern, in die sie eingreifen. Was an neuen Ergebnissen textkritischer und sachlicher Art bei der Arbeit gewonnen wird, soll den Fachkreisen in besonderen ergänzenden Heften dargeboten werden. Die Reihe wird mit einer Übersetzung des Kusari eröffnet werden, die von Herrn Dr. Baneth bereits so weit gefördert ist, daß sie im nächsten Jahre wird erscheinen können. Die Entwicklung des Forschungsinstituts in den nächsten Jahren soll in erster Reihe den Aufbau der religionswissenschaftlichen Sektion bringen, mit dem sich der Vorstand in eingehenden Beratungen beschäftigt hat. Das Arbeitsgebiet der religionswissenschaftlichen Sektion ist von den übrigen Sektionen nicht stofflich abgegrenzt. Sie hat vielmehr dasselbe Material, das auch dem Arbeitsgebiet anderer Sektionen angehört, unter einem eigenen Gesichtspunkt zu betrachten. Der zentralen Bedeutung der Religion in der Entwicklung des Judentums gemäß erstreckt sich der Bereich religionswissenschaftlicher Betrachtung auf den überwiegenden Teil des Stoffgebiets jüdischer Wissenschaft überhaupt. In dem prägnanten Sinne, den der Begriff relireligionswissenschaftlicher Arbeit in den letzten Jahrzehnten gewonnen hat, ist die religionsgeschichtliche Betrachtungsweise auch den im engeren Sinne religiösen Erscheinungen gegenüber wohl die zentrale, aber nicht die allein mögliche. Ihre Eigenart liegt in der Zurückführung der äußeren Erscheinungsformen religiösen Lebens auf die spezifisch religiösen Kräfte und Motive Deren Wirkung aber läßt sich ebenso auch an der Entwicklung des jüdischen Rechts, der jüdischen Philosophie, des jüdischen Gemeinschaftsaufbaus verfolgen, die alle neben dem diesen Gebieten eigenen Problemzusammenhange auch dem religionswissenschaftlich einzugliedern sind. Die religionswissenschaftliche Sektion kann daher ihre Arbeit nur im engsten Zusammenwirken mit den übrigen Sektionen durchführen. Aus dem großen Kreis ihrer Aufgaben soll in erster Reihe die Religionsgeschichte des talmudischen Zeitalters bearbeitet werden. Sowohl die Stellung des Judentums zu den das ausgehende Altertum beherrschenden großen religiösen Bewegungen, wie die Herausbildung des die ganze spätere Entwicklung bestimmenden Typus talmudischer Frömmigkeit sind religionsgeschichtliche Probleme höchsten Ranges. Einzelne hierhergehörige Fragen werden sich ohne weitere Vorarbeiten unmittelbar behandeln lassen. Für ihre allseitige und systematische Durchforschung aber ist eine umfassende Sammlung und Sichtung des Materials notwendige Voraussetzung. Insbesondere gilt dies für das agadische Material, das auch für die Entwicklung der religiösen Ideen die hauptsächlichste Quelle ist. Die großen Agadaarbeiten Bachers haben nur den auf bestimmte Autoren zurückführbaren Stoff behandelt. Zu einer Darstellung der vielfach noch wichtigeren anonymen Agada ist Bacher nicht mehr gekommen. Sie will die religionswissenschaftliche Sektion gemeinsam mit, der talmudischen als ihre erste größere Arbeit in Angriff nehmen. Die Schwierigkeiten sind hier weitaus größer als bei dem bestimmten Autoren angehörigen Stoff, da Alter und Herkunft der anonym überlieferten Anschauungen nur sehr schwer feststellbar sind. Es bedarf daher eines genau durchgearbeiteten und am Stoffe vielfach zu erprobenden Arbeitsplanes, bevor die Arbeit selbt durchgeführt werden kann. Ihn zunächst für die tannaitische Agada zu entwerfen hat unser Vorstandsmitglied Herr Rabbiner Dr. ßaeck unter Mitwirkung des Unterzeichneten übernommen. Näheres wird über ihn berichtet werden, sobald er eine feste Form gefunden hat und wir in die Arbeit selbst eintreten können. Der Schriftführer Julius Guttmann. 3*