Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
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28 Talmudische Wissenschaft Der Text unserer Mischna ist in den Ausgaben der Mischnajot sowie der beiden Talmude erhalten. Schon der bloße Vergleich zwischen diesen Rezensionen zeigt eine Reihe textlicher Varianten, die zur Ermittlung des ursprünglichen Textes von großer Bedeutung sind. Wir werden uns naturgemäß immer mehr dem Urtexte nähern können, je mehr Textzeugen uns zur Verfügung stehen und die Grundlage zu einer methodischen Prüfung bilden können. Wichtiger noch für die Herstellung eines kritischen Textes der Mischna ist eine Untersuchung der tannaitischen Literatur, vornehmlich der Baraitot in den beiden Talmuden und in der Tosefta, sowie der Diskussionen der Gemara. Nur so ist festzustellen, welche Zusätze zur Mischna auf Grund der dort gegebenen Erklärungen gemacht wurden. Aber selbst der Text der Mischna, wie er den Talmuden vorlag, war von der Schlußredaktion nicht aus einem Gusse geformt worden. Dies beweist eine Untersuchung des Zusammenhanges unserer Mischna. Häufig sind in ihr Sätze anzutreffen, die den Zusammenhang unterbrechen, oder bei genauer Prüfung keinen rechten Sinn geben, und sich somit als Randglossen, die an die unrechte Stelle geraten sind, zu erkennen geben. Da aber diese Sätze vielfach schon den ersten Amoräern bekannt waren, ist es wahrscheinlich, daß sie noch von der Schlußredaktion am Rande der Mischnajot untergebracht und aus Mißverständnis an unpassenden Stellen eingeschaltet wurden, wodurch sie dann Anlaß zu gezwungenen Erklärungen gaben. Anlaß zu solchen Randglossen gab entweder die irrtümliche Auslassung eines Satzes oder auch nur eines Wortes, die die Schlußredaktion am Rande der betreffenden Mischnajot berichtigen wollte, oder auch die nachträgliche Hinzufügung eines Lehrsatzes, der der Redaktion bei der ersten Niederschrift noch nicht bekannt gewesen war. Solche Nachträge sind jedoch nicht immer am Rande der Mischnajot, sondern sehr oft am Ende der Traktate oder Kapitel angefügt. Unsere Mischna nämlich, die, wie schon erwähnt, nach dem Inhalte der Halakot geordnet ist, bringt oft am Ende der Traktate Lehrsätze, die zu einer längst besprochenen Partie von Halakot gehören und naturgemäß unter jenen hätten Platz finden müssen. Dies ist aber nicht der Fall, weil sie offenbar bei der Zusammenstellung jener Partie der Schlußredaktion entgangen oder völlig unbekannt waren, und daher erst später bei ihrem Bekanntwerden, gewöhnlich am Ende der Traktate, nachgetragen werden konnten. Den Beweis hierfür glauben wir im zweiten Teile unserer „Studien" — über „den Text der Mischna" — an der Hand von mehreren markanten Beispielen erbracht zu haben. Doch scheint die Schlußredaktion eine solche lose Anfügung von Nachträgen nur im äußersten Falle, wenn sich kein anderer Ausweg fand vorgenommen zu haben. Bisweilen konnte sie die nachzutragenden Lehrsätze mitten im Abschnitt neben ähnlichen Halakot unterbringen. Obwohl, diese Art von Nachträgen mitunter an sehr passender Stelle eingefügt wurde, tragen auch diese Stücke das Merkmal des Nachtrages an sich und können uns über ihre anderweitige Zugehörigkeit nicht hinwegtäuschen.