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Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · 3 (1922) · p. Seite 27

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Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
3 (1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 27 (sequence 27)
Language
German
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IRI
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Talmudische Wissenschaft 27 Frage nämlich, ob die Schlußredaktion in unserer Mischna einen Kanon fürs praktische Leben schaffen wollte, so daß die anonym gelehrten Mischnajot als Norm zu gelten haben oder nicht. Zur Beantwortung dieser Frage ist es nur notwendig, sich zu vergegenwärtigen, wie die Redaktion zum Zwecke einer Kanonisierung mit dem überlieferten Stoffe hätte verfahren müssen. Da bei Lehrsätzen, die auf bestimmte ausdrücklich genannte Tannaiten zurückgehen, die Entscheidung der Mischnaredaktion aus der bloßen Erwähnung nicht zu ermitteln gewesen wäre, so hätte sie im Falle ihrer Zustimmung die Namen weglassen und die Lehrsätze anonym lehren müssen, um dieselben dadurch als Norm zu proklamieren, Ebenso hätte sie, wenn sie in einer Kontroverse zwischen zwei Tannaiten der einen oder der andern Ansicht hätte beipflichten wollen, den einen Namen weglassen müssen, um so den Anschein zu erwecken, als ob die von ihr gebilligte Ansicht, schon früher als allgemein von der Mehrheit anerkannt gegolten hätte. Endlich hätte sie auch anonym überlieferte Lehrsätze, die nicht ihrer Zustimmung sich erfreut hätten, entweder so zurechtstutzen müssen, daß sie nun etwas ganz anderes lehrten, als in der Absicht ihrer Urheber gelegen war, oder sie ganz unterdrücken müssen. All diese Möglichkeiten würden aber im krassen Gegensatze zu der Überlieferungstreue stehen, die wir bei der Schlußredaktion wahrgenommen haben, Denn wir wissen, daß sie keine noch so geringen Änderungen an dem überlieferten Stoffe vorzunehmen wagte, daß sie nicht einmal Zusätze aus anderen Traktaten zu machen sich erlaubte, und daß sie sogar die Varianten der einzelnen Schulen treu aufbewahrte. Demnach hat sie offenbar ihre Aufgabe nur darin erblickt, das aufgehäufte Lehrgut zu sammeln, zu ordnen und so der Vergessenheit zu entreißen. Einen Kanon fürs praktische Leben zu schaffen, lag ihr fern. Wir können demnach zusammenfassend folgende Grundsätze aufstellen: Der Schlußredaktion standen Mischnajot verschiedener Schulen zur Verfügung, Diese Mischnajot waren mit wenigen Ausnahmen schon nach dem Inhalt geordnet und wurden von der Schlußredaktion ohne Änderungen in ihrem größeren Zusammenhang aneinandergereiht. In der Regel ist die Version der anonymen Mischna, nach dem bereits angeführten Ausspruch des R, Jochanan Sanhedrin 86 a, die der Schule R. Meirs, die auf R, Aqiba zurückgeht. Dort wo wir verschiedene Versionen in derselben Halaka wahrnehmen, gehört die eine gewiß nicht der Schule R. Meirs an. Die Tatsache dieser verschiedenen Versionen aber, die wir auch bei den alten Halakot konstatieren können, und die sich sowohl auf den Wortlaut als auch auf die Stilisierung erstrecken, beweist, daß es bis zur Sammlung unserer Mischna keinen redigierten, in allen Schulen gleichlautenden Mischnatext gegeben hat. Vielmehr wurden, auch die alten Halakot in den einzelnen Schulen in verschiedenem Wortlaut und Zusammenhang gelehrt. Letzterer These, die wir hier nur andeutungsweise berühren können, ist in unserer genannten Arbeit ein größeres Kapitel gewidmet.

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