Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
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26 Talmudische Wissenschaft fassenden Terminus (Emurim) geschaffen haben. Solche Beobachtungen bilden einen Fingerzeig für eine Quellenscheidung auf wissenschaftlich gesicherter Grundlage. Zu demselben Ergebnis über die Richtlinien der Schlußredaktion und den Charakter unserer Mischna, als einer ausschließlichen Sammlung von Mischnajot mehrerer Schulen, gelangen wir, wenn wir den inneren Aufbau der Traktate genauer ins Auge fassen. Da werden oft dieselben Lehrsätze teils wörtlich, teils inhaltlich wiederholt. Die Wiederholung geschieht in der Regel um eines anderen Lehrsatzes willen, der in unserer Mischna noch nicht erwähnt und mit dem schon in der ursprünglichen Quelle der in unserer Mischna bereits früher angeführte Satz zu einem Ganzen verbunden war. Die schon oben erwähnte peinliche Genauigkeit der Schlußredaktion in der Übernahme des Zusammenhanges bewog sie, die Lehrsätze in ihrer ursprünglichen Verbindung zu belassen, wodurch Wiederholungen innerhalb ein und desselben Traktates und Unebenheiten im Aufbau unserer Mischna unausbleiblich wurden. Der große Aufwand an geistiger Energie, den die Mischna- Kommentatoren oft zur Erklärung der Wiederholungen machen, ist^ nach unserer Darlegung überflüssig, da die Wiederholungen in demselben Traktate auf verschiedene Schulen zurückzuführen sind, die dieselben Halakot in verschiedenem Zusammenhange lehrten, welche dann von der Schlußredaktion in eben diesem Zusammenhang aneinander gereiht wurden. Auch die Widersprüche sowohl innerhalb eines als auch in den verschiedenen Traktaten sind sicherlich nichts anderes als ein Ausfluß der entgegengesetzten Auffassungen derselben Halaka in den verschiedenen Schulen. Gewiß sind unter den Widersprüchen manche auch nur scheinbar als solche anzusehen und lassen sich bei einem näheren Eingehen auf die Prinzipien, die den Halakot zugrunde liegen, ohne Schwierigkeit lösen. In diesem Punkte ist ganz besondere Vorsicht geboten. Allein, der Talmud selbst sieht sich oft genötigt, zu erklären, daß der eine Lehrsatz nach dem einen Tanna und der andere nach einem anderen „gelehrt" wurde, was nichts anderes bedeutet, als daß die in Frage stehenden Mischnajot aus verschiedenen Schulen herrühren, deren Ansichten in der betreffenden Frage auseinandergehen. Die Schlußredaktion aber hat, ohne selbst eine Entscheidung zu treffen, beiden Auffassungen Aufnahme gewährt, und indem sie diese anonym überlieferte, wie sie in den Ursprungsschulen gelehrt wurden, gab sie Anlaß zu der falschen Annahme, daß der Inhalt dieser Mischnajot sich deckt, daß sie denselben Satz nur mit anderen Worten ausdrücken wollten. Aus der Tatsache, daß sich in unsrer Mischna mannigfache Widersprüche und Wiederholungen finden, und daß der eine Traktat manche Bestimmungen eines anderen Traktates nicht kennt, haben wir bisher gefolgert, daß die Schlußredaktion an den Mischnajot der verschiedenen Schulen keine Änderungen vorgenommen hat. Hierdurch sind wir in der Lage, eine weitere wichtige Frage über den Charakter unserer Mischna zu beantworten, die