Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
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24 Talmudische Wissenschaft passenden Stelle eben derselbe Lehrsatz Einschränkungen erfährt, wodurch er an Geltung erheblich einbüßt. Nur durch die Annahme, daß die ältere Halaka, die in diesem Lehrsatz zum Ausdrucke kommt, in der einen Schule mit gewissen Zusätzen bedacht wurde, von denen eine andere keine Kenntnis hatte, läßt sich u. E. diese Erscheinung erklären. Dazu kommt noch, daß oft auch ganze, zu ihm gehörige Halakot oder Kontroversen dem einen oder anderen Traktate unbekannt sind, daß eine stattliche Anzahl von Bestimmungen und Lehrsätzen, die ganz nebenbei und gelegentlich in einem Traktate Erwähnung finden, am geeigneten Platze, dort, wo sie nach der sachgemäßen Anordnung der Mischna zu erwarten wären, vergeblich gesucht, daß z. B. Halakot über den Zehnt nicht im Traktate Maaserot, sondern in Erubin gelehrt werden. Diese Erscheinungen führen uns auch bis an den Redaktionstisch des R. Jehuda ha-Nasi und sind geeignet, einiges Licht über seine Tätigkeit zu verbreiten. Die Frage muß sich geradezu auf den ersten Blick aufdrängen, warum denn die Schlußredaktion die Mischnajot der verschiedenen Schulen nicht auszugleichen suchte, warum sie nicht in formaler wie in sachlicher Hinsicht dieselben in Einklang zu bringen sich bestrebte, was sie durch Nachträge und Zusätze aus anderen Traktaten und bisweilen auch durch kleine stilistische Änderungen mit Leichtigkeit hätte erreichen können? Die Tatsache, daß die Schlußredaktion keinen Ausgleich zwischen den verschiedenen Quellen herbeiführte, daß sie auch nicht überall die Halakot an geeigneter Stelle anreihte, beweist, daß sie es als ihre ausschließliche Aufgabe ansah, die Schultradition in gewissenhafter, peinlicher Treue zu hüten. Die in den Schulen größtenteils schon nach sachlichen Prinzipien zusammengesetzten Mischnajot wurden von der Schlußredaktion aneinandergereiht, ohne daß sie irgend welche Ändernden an ihnen vornahm. Hierbei hat sie sogar den größeren Zusammenhang, in dem die Mischnajot gelehrt wurden, beachtet. Dadurch erklärt sich einerseits die Erscheinung der parallelen Mischnajot an sich, daß nämlich von der Schlußredaktion die Lehrsätze, die mehrere, sachlich zu verschiedenen Traktaten gehörige Halakot zusammenfassen, nicht auseinander gerissen, sondern in den einzelnen Traktaten wiederholt wurden, andererseits aber auch die auffällige Tatsache, daß in unserer Mischna, die in der Regel eine sachgemäße Anordnung befolgt, ganze Partien anzutreffen sind, die nach völlig anderen Gesichtspunkten zusammengestellt wurden. Dies beweist, daß die Schlußredaktion die Sammlungen aller Richtungen in ihren ursprünglichen größeren Zusammenhängen aufnahm, ohne irgendwelche Eingriffe in ihre Komposition zu machen. War eine Halaka von einem Sammler mit einer Reihe anderer nach einem bestimmten Stichwort zusammengestellt — wie z. B. Megilla I 4b —11, wo nach dem Lehrsatze: „Es gibt keinen Unterschied zwischen dem ersten und zweiten Monat Adar außer . andere Halakot mit den gleichen Anfangsworten angereiht werden —, so wurde sie mit ihrem ganzen Anhange in unsere Mischna aufgenommen,