Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
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Talmudische Wissenschaft 21 guten Gründe, Die heilige Scheu, mit der diese Männer, wie der größte Teil der Judenheit, zu der Bibel emporblickten, bedingte es, daß sie nicht das Maß von kritischer Unbefangenheit und Voraussetzungslosigkeit besaßen, das für eine wissenschaftliche Untersuchung erforderlich wäre. Als S. D, Luzzatto in seinem ersten Briefe an Rapoport (Kerem Chemed I 19) eine harmlose Konjektur in Jesaia mitteilte, wobei er nur ein Wort in zwei zu teilen sich erlaubte, freute sich jener zwar über den geistreichen Einfall, erhob aber warnend seine Stimme gegen solche Erklärungen, da „die Mauer der Massora gegen uns stände," Am Ende schreckte Luzzatto selbst vor den Konsequenzen seiner Methode zurück und wandte sich ebenfalls immer mehr der Literatur des Mittelalters zu. Was hingegen die wissenschaftliche Behandlung des Talmud anbelangt, so kam hierfür nur Rapoport in Betracht, Durch seine gediegenen talmudischen Kenntnisse, in denen er keinem Rabbiner seiner Zeit nachstand — wie er dies in seinen Anmerkungen zum halakischen Werke seines Schwiegervaters „Abne Miluim" schlagend dargetan hat — so wie durch seine allgemeine Bildung und Verstandesschärfe wäre er wie kein zweiter geeignet gewesen, manches Dunkel im Talmud zu erhellen. Allein die Angst vor den Frömmlern und Ketzerrichtern, in deren Mitte er sein Leben fristen mußte, veranlaßten ihn, diesem Thema in weitem Bogen aus dem Wege zu gehen. In der Einleitung zu seinem Buche „Erech Miliin" suchte er sich zu entschuldigen und eine Erlaubnis bei den Alten dafür zu holen, daß er hie und da eine Mischna oder Baraita anders als die Amoräer erklärte und in einem Briefe (Kerem Chemed I 51) gibt er unumwunden zu, er wage nicht, deutlich zu schreiben, daß die babylonischen Amoräer durch ihre schwachen Kenntnisse des Griechischen ein Wort mißverstanden hätten. Rapoports Lehrer und Freund endlich, N. Krochmal, behandelt zwar in seinem posthumen Werke „More Nebuke ha-Zeman" auch die talmudische Epoche eingehend. Allein da es ihm hauptsächlich darum zu tun war, eine philosophische Betrachtung der jüdischen Geschichte im Hegeischen Sinne zu bieten und die verschiedenen Seiten in der Entwicklung des Judentums in ein System zu bringen, so können viele seiner „Ansichten" einer kritischen Nachprüfung nicht standhalten, und sie dürfen daher nur als „Auffassung", nicht aber als bewiesene Tatsachen bewertet werden. Mit Recht darf demnach wohl behauptet werden, daß den Grundstein zur talmudischen Wissenschaft Zacharias Frankel gelegt hat, und zwar vorwiegend in seinem Buche ,,Darke ha-Mischna", das die Mischna und gelegentlich auch andere Teile der tannaitischen Literatur zum Gegenstand der Untersuchung hat, Seitdem wandten immer wieder hervorragende Taldmudforscher ihre Aufmerksamkeit dem Studium der Mischna zu. Trotzdem ist in der Beurteilung der Hauptfragen keine Übereinstimmung erzielt worden. Es liegt nahe, den Grund hierfür in der angewandten Methode zu suchen. Es darf daher als gerechtfertigt erscheinen, wenn wir neuerlich den Versuch unternehmen, von ganz anderen Gesichtspunkten aus an das Mischnaproblern heranzutreten.