Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Der Staat des Großen Kurfürsten und die Juden 19 Gelder und Steuern restlos zu bemächtigen, muße man fortwährend Zählungen veranstalten, staatliche Kommissionen einsetzen, ihre Berufe überwachen, sich in die Wahl ihrer Vorsteher einmischen, ihre Verfassung und ihre Beziehung zur Regierung genauer regeln und sie schließlich einer eigenen, aus königlichen Ministern bestehenden Judenkommission unterstellen. Diese fortwährende Berührung mit den Juden brachte es mit sich, daß die aufgeklärten Beamten jener Zeit sich auch psychologisch mit ihnen beschäftigten. Während der Herrschaft des Großen Kurfürsten waren Staat und Juden zwei Kreise, die sich nur dann trafen, wenn der Staat in finanzieller und wirtschaftlicher Bedrängnis war. Die Juden waren eine Sache, eine Regel, ein Objekt. Jetzt beachtet man auch den jüdischen Menschen. Die von den Lehren des Naturrechts durchdrungene Beamtenschaft, Schüler von Leibniz' und Pufendorfs, begann, indem sie sich in die inneren jüdischen Verhältnisse einmischte, auch den Kult, die Sitten und Gebräuche wie die eigenartige seelische Verfassung der neuen Untertanen halb neugierig, halb feindselig und halb wohlwollend zu studieren. So enthalten die weitläufigen Protokolle und Berichte der Judenkommission, der Fiskale, des Kammergerichts, des Hausvogts und der Regierungen eine Fülle lebendigsten Materials für eine Epoche, die uns bisher so gut wie verschlossen war. Eine Reihe jüdischer Einzelpersönlichkeiten tauchen auf, die Schulhoffs, die Liebmann, die Perlheffter, die Fränkel, die Bendix und unzählige andere, in ihren Umrissen schon deutlich erkennbar, Führer und Geführte, Autokraten und Schwächlinge, Vornehme und Niedrige, Stolze und Demütige, bei aliem persönlichen Gegensatz Gläubige alle und Kinder der gleichen Kultur. Wir hören von der Entwicklung und der Veränderung der Gemeindeverfassungen, vom Aufstieg und Niedergang hervorragender Geschlechter, von dramatischen Vorsteherwahlen, von Kabalen hochmütiger, fürstlicher Günstlinge und von den wirren Parteikämpfen eines Volkes, das seinen politischen Instinkt im engen Rahmen, unbeherrscht noch, austobt. Und wer diese vergilbten und verstaubten Blätter auch mit der Seele liest, dem ersteht jenes ganze Ghettogeschlecht in seiner kleinbürgerlichen Gebundenheit und dumpfen Begrenztheit, aber auch in seiner raschen Beweglichkeit und heroischen Tatkraft zu neuem und buntem Leben.---- Das Forschungsinstitut beabsichtigt, in drei weiteren Bänden, in ähnlicher Weise auch die Zeit Friedrich Wilhelms L, Friedrich d-js Großen und seiner Nachfolger zu behandeln. Das Material ist für uhse Epoche noch reichhaltiger, sein Inhalt noch interessanter. Denn während man auf der einen Seite die Steuerschraube immer enger anzog und zu diesem Zwecke die Haftbarkeit der ganzen Gemeinde einführte, löste auf der andern Seite der fortschreitende Absolutismus alle Sonderorganisationen auf, beraubte damit die jüdische Gemeinde ihrer Selbstverwaltung und Gerichtsbarkeit und näherte sie dadurch politisch dem Staate. Während der Polizeistaat sie immer strenger reglementierte, ihre Anzahl beschränkte, die Unvergleiteten 2*