Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
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Der Staat des Großen Kurfürsten und die Juden 15 handel war damals sehr bedeutend, das Dominium maris Baltici galt als Endziel aller Wirtschaftspolitik der nordischen Staaten, Es war einer der Lieblingspläne des großen Kurfürsten, Pillau zu einer großen Kriegs- und Handelsstation zu machen, Ostpreußen selbst aber, in demNjemen und Pregel mündeten, und das man deshalb ein „Litauen vorgelagertes Holland" genannt hatte, zu einem wichtigen Handelsplatz zwischen dem Osten, Rußland-Litauen einerseits und dem Westen, England und Holland andererseits, zu erheben. Aber die Ostpreußen selbst, besonders die Königsberger und Memeler Handelsherren, standen in hausbackener Nüchternheit diesem hohen Schwung verständnislos und kritisch gegenüber. Sie waren es zufrieden, wenn sie selbst ihre auskömmliche Nahrung hatten, wenn es ihnen gelang, ihre Privilegien und Rechte gegen alle Eingriffe der Fremden und der übrigen Städte zu behaupten und jeden selbständigen Handel im Herzogtum zu unterbinden. Statt Kommissions- und Lieferungsgeschäfte zu treiben, blieben sie ruhig und behäbig in der Stadt, ließen die Litauer und Schotten, die englischen und holländischen „Lieger", wie man die Kommissionäre der dortigen Firmen nannte, ihre Waren hereinbringen und begnügten sich mit dem Rechte, diese Waren kaufen und verkaufen zu dürfen. In Königsberg gäbe es, sagte der Direktor der Marine, Raule, von ihnen, „nur Kaufleute, die mit ihren Privilegien den Litauern und Polen den Beutel zu schneuzen wüßten, nicht solche, die zur See etwas adventurieren möchten". So sah es der Kurfürst gerne, dass die Fremden, auch die Juden, auf der landesherrlichen Freiheit sich niederliessen. Er begünstigte deshalb auch die Ansiedelung des holländischen Kommissionärs Moses Jacobson in Memel, er machte ihn sogar den Litauern abspenstig, die damals versuchten, ihn zur Gründung eines Hafens in Heiligenaa zu gewinnen. Die Archivalien werden die bedeutende Rolle, die dieser Jude viele Jahre in der Zoll- und Handelsgeschichte Ostpreußens spielte, wie seine eigenartige und interessante Stellung zum Kurfürsten, zu seinem Nachfolger und den Städten im einzelnen genauer darlegen. Bis zum Jahre 1660 bewegte sich die kurfürstliche Judenpolitik in der gleichen Richtung. Es war die Zeit des Nordischen Krieges, Friedrich Wilhelm stand, gestützt auf die Macht seiner Truppen, im Lande, die ständische Verwaltung war unterdrückt, das Kriegskommissariat herrschte. Da kam der Friede von Oliva, Ostpreußen wurde von der polnischen Oberhoheit gelöst, der Kurfürst versuchte, nun auch die ostpreußische Verfassung in zentralistischem Sinne zu ändern. Aber der Landtag von 1661—63, der dramatischste und wildbewegteste in der ständischen Geschichte, in dem die beiden Gewalten mit einer grandiosen Leidenschaftlichkeit aufeinander prallten, endete 1663 fast mit einem ständischen Siege. Zwar erkannte man die Souveränität des Fürsten an, zwar bewilligte man ihm bedeutende Summen für Festungen und Heer. Aber nur gegen Gewährung weitgehender Konzessionen. Das Steuerbewilligungsrecht, das Indigenatsrecht, alle alten Freiheiten und Privilegien mußten den Ständen für lange Zeit noch einmal gewährleistet werden.