Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2707513-2707518--101-2707665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Staat des Großen Kurfürsten und die Juden 13 Diesen Einheimischen aber war der jüdische Fremdling tief verhaßt. Die Gründe waren sicherlich zum Teil religiöser Natur. Es war ja die Zeit, in der man um des Glaubens willen 30 Jahre lang gemordet und verwüstet hatte. Eine starre Orthodoxie, die sich an den toten Buchstaben klammerte, ein wildes und häßliches Parteigezänk, das selbst von der Kanzel herab alle Nichtlutheraner, sogar den kalvinistischen Fürsten verfluchte, beherrschte jenes verbitterte und verknöcherte Jahrhundert. Mehr aber noch als die jüdische Religion bekämpfte man die Methode des jüdischen Handels. Es ist der Kampf zwischen mittelalterlicher und moderner Wirtschaftsanschaung überhaupt, der hier zum Austrag kam. Das handwerksmäßige, reglementierte, zünftierisch gebundene, partikularistische Prinzip bekämpfte das freiere, expansive und universale der Juden, das im Fürsten selbst seinen Hauptvertreter fand. Denn in Deutschland war damals noch jeder Wettbewerb ausgeschlossen, die Preise waren nach festen Taxen genau geregelt. Noch war jede Warenanpreisung wie jeder Kundenfang aufs strengste untersagt, es galt selbst für ein Sakrileg, außerhalb seines Gewölbes zu handeln. Kein Wunder also, wenn die Innungen von Berlin und Frankfurt, von Stargard und Kolberg, von Minden und Bielefeld und all den anderen Städten immer wieder in langatmigen und gehässigen Eingaben sich an den Kurfürsten wandten und ihn beschworen, die Juden aus dem Lande zu vertreiben. Wären sie doch an keine Inaungsartikel und Verfassungen gebunden, könnten kaufen und verkaufen, wann und wo sie wollten. Sie dürften zudem durch billigere Waren Kunden anlocken oder ihnen gar entgegengehen, auf dem Lande hausieren und die Bauern der städtischen Kundschaft entziehen. Auf solche Vorstellungen antwortete der Kurfürst gewöhnlich gar nicht. Manchmal erklärte er nur lakonisch, daß die Juden dem Lande zum Vorteil gereichten. Manchmal geschieht es aber doch, daß er den Bitten willfährt, den Handel der Juden entweder verbietet oder sie aus dem Staate ausweist. Und man kann sich dann nicht immer d?m Eindruck entziehen, daß diese Nachgiebigkeit ein diplomatisches Mittel ist, Konzessionen von seinen Untertanen zu erpressen, genau wrie er umgekehrt den Juden Privilegien erteilt, um jene seinen Machtwillen fühlen zu lassen. So erst werden alle die Widersprüche, all das Schwankende und Unsichere der kurfürstlichen Haltung verständlich. Nur so kann man es sich erklären, warum er in der einen Provinz Juden aufnimmt und sie fast zu gleicher Zeit aus einer anderen verjagt, warum er z. B. in Halberstadt ihre Zahl ständig vermehrt, im nahen Magdeburg sie aber nicht duldet. Am typischsten und charakteristischsten hierfür ist sein Verhalten in Ostpreußen. Von allen Provinzen nahm dieses Land, das in seiner inneren Struktur ganz anders geartet war, als die Mark oder Halberstadt und Minden, die eigenartigste Stellung zum Kurfürsten ein. Einst unter der Ordensherrschaft