Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 Der Staat des Großen Kurfürsten und die Juden Rolle spielten, mochte ihm vorschweben, wenn m den Judenerlassen so oit die Worte wiederkehren, „daß es zu des Landes besten und Aufnehmen gereiche, wenn darinnen viel Handel und Wandel getrieben wird". So hebt er den Leibzoll auf, so begünstigt er den Handel der polnischen und holländischen Juden in Ostpreußen, so läßt er die Halberstädter in der Mark handeln und in Pommern, das er damals durch Verbindung der Oder mit der Spree, durch die Ausbesserung der Häfen, durch die Anlage von Salzsiedereien und Manufakturen zum ersten Handelsplatz seines Landes zu machen gedachte* So zieht er sie nach Frankfurt (Oder), um dort die Messen zu beleben, weil die Bedeutung der Stadt bedingt war vom „Strom des polnischen Handels, der hier mündete". So gewährt er den Juden der Neumark das Recht, in Hinterpommern frei zu handein, weil ihm die enge wirtschaftliche Verbindung der kulturell und geographisch nahe verwandten Provinzen besonders am Herzen lag. In gleicher Richtung bewegte sich auch die kurfürstliche Manufakturpolitik, jener erste Versuch, durch „landesherrliche Eigenunternehmungeri", durch „regaiistische Gewerbe- und Handelsbetriebe", durch „Förderung des heimischen Gewerbefleißes" und durch Anlage neuer Manufakturen dem in den Weststaaten schon herrschenden merkantilistischen Zeitgeiste Rechnung zu tragen* Der große Einfluß, den die hugenottischen Flüchtlinge auf die Belebung der preußischen Industrie ausübten, ist ja genugsam bekannt. Aber auch mit den Juden hatte man allenthalben gute Erfahrung gemacht. In Paderborn hatte sie der Bischof zur Begründung der Leinenfabrikation herangezogen, in Petschau in Böhmen hatte schon 1597 ein Jude die Leitung des herrschaftlichen Bergwerkes übernommen. Das Tabaksmonopol, das der Große Kurfürst 1676 den beiden Juden David Nathan und Hartwig Daniel verlieh, gab jenen das Recht, in der Alten-, Mittel- und Uckermark, im Ruppinschen und Priegnitz'sehen Kreise „allein und sonst niemand Tabak zu pflanzen, zu spinnen und zu verkaufen". Das Unternehmen hatte freilich keinen Erfolg, wie ja auch die merkantilistische Politik in Preußen erst unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich dem Großen ihre Blütezeit erlebte. Sind dies im allgemeinen die Grundprinzipien der kurfürstlichen Judenpolitik, so wich die Praxis doch in vielen Fällen von ihnen ab. Denn Friedrich Wilhelm ist stets Realpolitiker gewesen. Es war mit seiner inneren Politik das gleiche wie mit seiner äußeren Diplomatie. Er ersetzte überall durch Geschmeidigkeit, was ihm an Macht fehlte. Er hatte neben dem „Löwenfell auch das Fuchsfell bereit, neben der Tat und der Gewalt die Selbstbescheidung, die List, ja die Treulosigkeit"- Opportunistisch trug er stets den Verhältnissen Rechnung und machte an Religion und Gesellschaft, an Tradition und Volksstimmung des öfteren Konzessionen. Bei aller modernen Gesinnung war er doch der Ansicht, daß diejenigen, „die des Landes und der Stadt onera trügen und der Herrschaft mit Eidespflichten verwandt seien, ein Vorrecht gehießen müßten vor Landfremden, die nur zu ihrer Bereicherung hinkämen".