Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Der Staat des Großen Kurfürsten und die Juden 5 jüdischen Verhältnisse gewinnt, bis zu dem Tage, da sie sich den Fremden sozial und wirtschaftlich assimiliert hat Der dritte Weg wäre dann der ideengeschichtliche. Man müßte nachspüren, wie Naturrecht und Aufklärung, Deismus und Freu»eisterei, Humanismus und Philanthropismus die abgeschlossene jüdische Ideenwelt durchdrangen, wie sie allmählich und nach manchem Widerstande das seelische Ghetto abbauten und die Juden geistig den Wirtsvölkern verbanden. Natürlich wäre das Ideal, auf allen diesen drei Wegen zusammen zu wandern, Auf dem ersten Ausschau zu halten nach dem zweiten, auf dem zweiten sich Anregung zu holen für den dritten. Denn alles geschichtliche Leben ist mannigfaltig und verschlungen, und alle seine Faktoren stehen in Wechselwirkung ständig miteinander. Die staatliche Veränderung bedingt die Gliederung der Gesellschaft, die geistige Struktur ist abhängig von der wirtschaftlichen Lage, die auswärtige Politik beeinflußt die innere Verfassung und umgekehrt. Aber einstweilen gilt es, sich zu bescheiden, Einstweilen gilt es, in mühseliger Kleinarbeit und bewußter Einseitigkeit die Einzeldisciplmen zu erforschen und nüchtern nur Kärrnerarbeit zu leisten. Von diesem Gesichtspunkt aus beabsichtige das Forschungsinstitut der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in einer breitangelegten, vierbändigen Aktenpublikation über den „Preußischen Staat und die Juden 1648—1812" das Problem der Emanzipation nur von der staatlichen Seite her zu packen und zu beleuchten. Es hofft freilich, durch die Edition von Quellen, die nicht nur seine rechtliche und politische Seite behandeln, sondern auch Licht werfen auf die Ansiedlungsverhältnisse, die Zu- und Abwanderung, die Bevölkerungsdichtigkeit, die Berufe der Juden, wie ihre Stellung zu der Gesellschaft der Umwelt, der wirtschaftsgeschichtlichen wie der soziologischen Forschung neues Material zur Verfügung zu stellen. Durch eine einleitende Darstellung wagt es für einen kleinen Ausschnitt der neueren jüdischen Geschichte einen methodologischen Versuch, der jedoch bei der ungeheuren Fülle der Probleme und Aufgaben noch tastend und einseitig bleiben muß, — Als kleines Beispiel möge die Judenpolitik des Großen Kurfürsten dienen. Das Jahr 1648 als Beginn der Veröffentlichung ist nicht rein zufällig gewählt. Denn erst von dieser Zeit an macht die werdende Staatsbildung es möglich, die systematische Stellungnahme des Staates zu den Juden zu verfolgen. Die Dezentralisation des Mittelalters, die Selbständigkeit der städtischen Kommunen, der Grafschaften, der Bistümer, der Ritterschaften und Grundherren bedingt, daß man in dieser Epoche die Judenpolitik jeder Stadt und jedes Territoriums einzeln und eigens behandelt. Als der Große Kurfürst zur Regierung kam, fand er freilich auch ein über den ganzen Norden von Deutschland zerstreutes Gebiet kleiner selbständiger Territorien vor, wie sie der bunte Zufall der Annexionen und Erbschaften, der Heiraten und Tausche ihm und seinen Vorgängern zugebracht