Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Der Staat des Großen Kurfürsten und die Juden Der Staat des Großen Kurfürsten und die Juden. Von Selma Stern, Der entscheidende Vorgang der neueren jüdischen Geschichte ist die rechtliche, wirtschaftliche und kulturelle Eingliederung der Juden in den Staatskörper ihrer Wirtsvölker am Ende des 18, und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Diese Geschichte der Emanzipation ist schon öfter Gegenstand der Darstellung gewesen. Das Zusammenprallen zweier v/esensfremder Kulturen, die Assimilierung des jüdischen Geistes an den europäischen, die Beeinflussung des europäischen durch den jüdischen ist ein solch reizvolles Problem, daß es immer wieder das Interesse des jüdischen wie des christlichen Historikers erweckt hat. Aber die ideengeschichtlich eingestellte, von Romantik und Liberalismus ausgehende Geschichtsschreibung des vorigen Jahrhunderts hat den Eintritt der Juden in den Staatsverband der europäischen Nationen gewöhnlich nur einseitig motiviert. Sie betrachtete die Emanzipation als ein notwendiges Resultat der Freiheits- und Gleichheitsideale der französischen Revolution und der humanitären Aufklärungsphilosophie der Lessing und Kant, der Mendelssohn und Dohm. So ungemein bedeutsam selbstverständlich dieser Einfluß der europäischen Ideenwelt auf den Assimilationsgedanken ist, restlos erklären kann man ihn damit nicht. Denn die Emanzipation ist kein einmaliges Ereignis, das ein Dekret der französischen Nationalversammlung oder ein Beschluß des preußischen Kabinetts ganz plötzlich herbeigeführt hat. Sie ist vielmehr ein Jahrhunderte dauernder Prozeß, der heute noch nicht zu seinem Abschluß gekommen ist. Um ihn zu ergründen, muß man verschiedene Richtungen einschlagen. Die eine wäre, die vielen verschlungenen Wege aufzufinden, die von Seiten des Staates zur Emanzipation geführt haben. Man müßte alle jene Fäden aufdecken, die die Juden schon lange vor der Befreiung mit dem Staate und dem Wirtsvolke verbanden. Man müßte den Einbau verfolgen vom Tage der Aufnahme der Juden an durch alle Änderungen und Wandlungen der verschiedenen Staatsformen hindurch und ihn aus dieser wechselnden Struktur heraus begreifen. Denn anders wird sich der Ständestaat mit geschlossener Stadtwirtschaft und privilegierter Klassenherrschaft einem eindringenden Fremdkörper gegenüber verhalten als der absolute und zentralistische Militärstaat, anders der merkantilistische als der physiokratische Staat, anders der Polizeistaat als der Verfassungsstaat. Ein zweiter Weg wäre der soziologische. Man müßte der ganzen Entwicklung der jüdischen Gemeinden, der Sekten und Organisationen, dem Aufbau der Gesellschaft, ihrer wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen nachgehen. Man müßte die Auseinandersetzung der Juden mit der Umwelt verfolgen und den Einfluß nachweisen, den diese Umwelt langsam auf die