Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nehemias Anton Nobel zum Gedächtnis 3 in seiner Lehre von der Prophetie die Verbindung zur Mystik- Und vor allem die Halacha einte sie beide, sie war nicht nur System, sondern auch Mystik, sie hatte ihre Wissenschaft und ihre Geheimniskunde; sie einte die Menschen und die Gedanken. Erst das Jahrhundert der Müdigkeit brachte das Auseinandertreten und schließlich den Bruch; die Halacha schien zum bloßen System, zum Rationalismus geworden, und die Mystik trat ihr nun feindlich entgegen. Sie haben beide darunter gelitten, die eine durch die Abschwächung und Erweichung des Gesetzes, zum Schaden des Bestimmenden in der Religion, die andere durch die Erstarrung in der Norm, zum Schaden des Organischen im Judentum. Hier sollte nur das Gewordene, dort nur das Werdende gelten; die eine wollte gleichsam nur „eine Erde gründen", die andere nur „einen Himmel pflanzen". Aber der Gegensatz widersprach doch je 4er inneren Erfah -ung vom Judentum, widersprach der Geschichte wie der Aufgaoe. So haben sich die beiden doch wieder angezogen und gefunden. Die neuere Mystik hatte schon von Isaak Luria her einen Weg hierzu, sie strebte, ihre besondere, eigentümliche Halacha zu gestalten und mit ihr auch den Gegnern gegenüberzutreten. Und die Halacha wiederum in der sogenannten deutschen Neuorthodoxie suchte den irrationellen Gründen, den Geheimnissen des Anfangs sich wieder zuzuwenden. Isaak Bernays und Samson Raphael Hirsch gingen diese Richtung. Des letzteren Bedeutung liegt, geistesgeschichtlich, darin, daß er den reinen Rationalismus der Halacha zu überwinden und diese dadurch neu zu begründen trachtete. In Nobel hat er einen Nachfolger gefunden, weniger i:. der Linie des Systematischen und Ordnenden, das Hirschs besondere Gabe war, als in der des Psychologischen, des sentiment interieur. Nobel wollte mit der Seele sehen, wollte die Seele sehen, nacherleben und wiedergewinnen — in der Mystik, die er zu verstehen und damit in ihrem Ausdruck neu zu gestalten strebte, und in der Halacha, deren Norm und Sinn, deren Organisches er erfassen, und die er damit für die Gegenwart ungekürzt festhalten wollte. Er hat Mystik und Halacha wieder im Religiösen in sich vereint; darin hat er seine historische Verbundenheit und seinen Platz in unserer Zeit, Seine Seele fand sie beide, in beiden hat er sein Eigenes, die Tradition seines Eigenen entdeckt. Das konkrete Werk der Wissenschaft, das von ihm erwartet wurde, blieb ihm versagt. Sein Sehen war sein Schaffen. Unserer Akademie, in deren talmudische Sektion er beruf en wurde, hat er, der zu früh dahinging, nur mit der Liebe seiner See!; dienen können. Er hatte Hermann Cohen, dessen Namen und dessen Geis. der beginnende Plan der Akademie angerufen hatte, nahe gestanden; Franz Rosenzweig, von dem ihr fordernder Gedanke ausgegangen war, wurde sein Schüler und sein Freund. Nobels Auge blickte auf unsere Akademie.