Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 3 (1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Nehemias Anton Nobel zum Gedächtnis selbst wie auch ein Verstehen der Vergangenheit ist. Auch in diesem letzteren liegt daher etwas Schöpferisches oder wenigstens etwas Wiederschaffendes. Friedrich Gundolf hat in seiner Abhandlung über Dichter und Helden die Geschichte als „die Wechselwirkung der schöpferischen und der empfänglichen Menschen" bezeichnet; es darf dem noch hinzugefügt werden, daß alles Schöpferische eine starke Empfänglichkeit voraussetzt, und daß in aller wahren Empfänglichkeit doch auch ein Stück von etwas Schöpferischem liegt. Schon Dilthey hatte ein Ähnliches wie Gundolf gesagt, wenn er das Eigene der Geisteswissenschaften in dem „Kreislauf von Erleben, Ausdruck, Nacherleben und Verstehen" fand. Ist das eigentlichst Schöpferische das Schaffen des* Ausdrucks, diese Objektivierung des Erlebnisses und des Geistes, so wird das Nacherleben, dieses Verstehen zur Umwandlung des Ausdrucks, zum gestaltenden Umgestalten; etwas von der schöpferischen Kraft wird auch darin lebendig. Gerade diese Gabe des Nacherlebens und der Neugestaltung des Ausdrucks war Nobel gewährt. Er hat sie in einem besessen, und er gehört dadurch in einen historischen Zusammenhang hinein, in einer inneren — persönlichen, historischen — Verbindung, die er in sich fand und aus sich hervortreten ließ, der von Mystik und Halacha. Das vorletzte Jahrhundert, das so vieles im Judentum erstarren und damit schließlich auseinanderbrechen ließ, hatte den Bruch zwischen diesen beiden erfahren, die bis dahin in der Einheit der Persönlichkeit, als dem Ausdruck einer grundsätzlichen, tiefen Einheit, verbunden waren. Von ihrer beider Beginn an — die Mystik im Judentum geht ungefähr auf die gleiche Zeit zurück wie die Halacha — waren sie geeint, nicht im Begrifflichen, aber im Religiösen, in den Menschen, in denen sich das Religiöse darstellte; gleiche Namen nennen die Männer der einen und der anderen. Die Generationen des Mittelalters hindurch war es so geblieben; der Streit zwischen Gesetz und Seele, zwischen System und „Leben" blieb dem Judentum im großen und ganzen fern. Es gab zwar bisweilen einen Kampf zwischen dem Rationalismus, der ein Rationalismus auch der Halacha, und der Mystik, die auch eine Mystik der Halacha war —- in mancher Hinsicht und in vielleicht in seinem Letzten geht schon der Gegensatz zwischen Rabbi Ismael und Rabbi Akiba auf den Gegensatz zwischen rationalistischer und mystischer Halacha zurück, und vielleicht ist der Widerspruch des Abraham ben David gegen Moseh ben Maimon auf ihn auch letztlich zurückzuführen. Wie in allem Rationalismus lag zwar auch im jüdischen, und auch im Rationalismus der Halacha, die Neigung, das System oder wenigsten die Wissenschaft als Selbstzweck, als die Wirklichkeit zu nehmen, sodaß System und Wissenschaft sich trennend zwischen den Menschen und das Leben, zwischen den Menschen und die Welt schoben. Aber im Wesentlichen stand das Judentum außerhalb des Kampfes zwischen Rationalem und Irrationalem; das Vermittelte und das Unmittelbare traten hier nicht auseinander. Auch sein Rationalismus hatte