Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 Probleme der Mischna-Kritik Stellung ein, als er der Hauptgewährsmann R. Jehuda ha-Nasis gewesen ist: der Grundstock unserer Mischna, die anonymen Halachoth, sollen von ihm herrühren. Darin liegt zunächst keineswegs, daß man von einer'Redaktion der Mischna durch R. Meir sprechen darf. Gewiß wird sich seine Version von denen seiner Zeitgenossen nicht unerheblich unterschieden haben, und ein Teil der Unterschiede mag durch bewußte Eingriffe des R. Meir veranlaßt sein; aber es fragt sich doch sehr, ob diese Eingriffe so zahlreich und umfassend gewesen sind, daß sie die Behauptung, er habe die Mischna redigiert, rechtfertigen — wiewohl im übrigen kein klares Zeugnis dafür vorhanden ist. Noch weniger aber ist jene Zurückführung des Kernes unserer Mischna auf R. Mair dahin zu deuten, daß R. Jehuda ha-Nasi diesem Lehrer besondere religionsgesetzliche Autorität zugebilligt habe. Eher trifft das Gegenteil zu, wie eine einfache Ueberlegung zeigt. Zwar heißt es in der Gemara ganz allgemein, daß die Halacha der anonymen Mischna entspreche; aber dies Prinzip wird praktisch fast völlig wirkungslos durch die Ergänzung, daß in allen Fällen, in denen die differierende Ansicht eines Einzelnen folgt, dieser letzteren der Vorzug zu geben sei. Das besagt ja nichts anderes, als daß fast überall, wo überhaupt die Gelegenheit zu einer Entscheidung vorliegt, diese zu Ungunsten der anonymen Mischna zu treffen ist. I. Baßfreund, der das Grundprinzip und seine Ergänzungen in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 1907, S. 434—444, gut erläutert hat, hat zugleich nachgewiesen, daß der Mischna-Redaktor wirklich die Ansicht des von ihm jeweilig an letzter Stelle angeführten Kontrovertenten als die maßgebende betrachtet wissen wollte. An den vielen Stellen z. B. — es sind etwa" 600 —, an denen R. Jehuda auftritt, ist seine Bemerkung auch im Sinne des Redaktors als eine Berichtigung der anonymen Mischna zu verstehen. Ja, in nicht wenigen Fällen, in denen in der Tosefta eine Kontroverse zwischen R. Meir und R. Jehuda vorliegt, hat sich der Redaktor sogar damit begnügt, die Meinung des letzteren anonym zu geben, und die des ersteren unterdrückt. Offenbar huldigte schon er dem uns aus späterer Zeit überlieferten Grundsatz, daß bei Kontroversen zwischen R. Meir und R. Jehuda diesem der Vorrang gebühre. — Nach alledem scheint es, daß R. Meirs Arbeit fast nur den Untergrund abgegeben hat, auf dem die Farben aufgetragen wurden, die aus der Mischna R. Jehudas und anderer stammten. Eine Vorstellung, die freilich wohl nur vollziehbar ist, wenn wir uns schon R. Jehuda ha-Nasis Quellen schriftlich fixiert denken. Da der anonyme Grundstock unserer Mischna im ganzen von R. Meir herrührt, vereinzelt aber doch auch andere dazu beigetragen haben, so kann R. Meir als Kontrovertent gegen eine anonyme Mischna auftreten. Es ist immerhin bezeichnend, daß das nur ziemlich selten geschieht; in der Regel nennt ihn der Redaktor, um den Gegensatz zu einem anderen mit Namen erwähnten Lehrer hervorzuheben. Bei beiden Arten von Fällen gibt uns der