Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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s Probleme der Mischna-Kritik keine Veranlassung und kein Recht dazu, R. Simon aus Mizpa nur als einen Redaktor von Tamid zu bezeichnen. Denn der Traktat trägt ein vollkommen einheitliches und originales Gepräge. Bestünde die Mitarbeit jenes Mannes nur in ein paar Zusätzen, so wäre kaum verständlich, warum der Traktat auf seinen Namen gestellt wurde. Wäre ferner gar die Vorstellung richtig, der Ginzberg selbst zuzuneigen scheint, dass R. Simon aus Mizpa nur der Vertreter einer bestimmten Version von Tamid gewesen ist, neben der andere Versionen bei anderen Lehrern existiert hätten, so Hesse sich unmöglich begreifen, wie es kam, dass diese ziemlich obskure Persönlichkeit sich hier hat durchsetzen können. Es bleibt nichts weiter übrig, als die Überlieferung von der Verfasserschaft des R. Simon aus Mizpa so schlicht und wörtlich wie nur möglich zu nehmen. Dabei darf uns auch die Erwägung nicht beirren, daß R. Simon aus Mizpa — wie Ginzberg einwandsfrei nachweist — ein Zeitgenosse des zweiten Gamliel war, also wohl erst nach der Tempelzerstörung gewirkt hat. Auch Aboth kann ja erst in jener Zeit entstanden sein, da es schon in seiner ursprünglichen Form die Schüler R. Jochanan ben Sakkais, darunter R. Josua und R. Elieser, voraussetzt. Ueberhaupt dürften die literarischen Grundlagen unserer Mischna hauptsächlich in den ersten Jahrzehnten nach der Katastrophe des Jahres 70 geschaffen sein. Die schlimme äußere Lage mag es damals den Lehrern nahegelegt haben, die Ueberlieferungen, die noch in ihrem Kreise lebendig waren, vor dem drohenden Untergange zu bergen. Eine besondere Stütze empfängt diese Anschauung durch die mehrfach bezeugte Nachricht, daß der Traktat Edujoth kurz nach der Tempelzerstörung entstanden sei und den Anfang der Mischna-Kodifikation gebildet habe. So verstehe ich wenigstens Tosefta Edujoth 1,1: „Als die Weisen in den Weinberg von Jabne eintraten, sprachen sie: Einst wird eine Zeit kommen, in der man die Worte der Thora suchen und nicht finden wird, die Worte der Schriftgelehrten suchen und nicht finden ... sie sprachen also: Wir wollen mit Hillel und Schammai beginnen . — wie es der Traktat Edujoth wirklich tut. Aus diesen Worten scheint übrigens auch hervorzugehen, daß man sich die Festlegung, der Mischna gleich mit schriftlicher Aufzeichnung verbunden dachte. Oder was sollte sonst damals geschehen sein, das die Gewähr für bessere Fortdauer der Tradition bot als früher? Doch ich gehe auf alles dies nicht näher ein und betone nur, daß es nötig ist, die Frage nach der Konzeption der einzelnen Mischna-Traktate mehr als es bisher wohl üblich war, in den Vordergrund zu rücken. Man darf sich nicht darauf beschränken, zu untersuchen, wann dieser oder jener von den Gedanken, die in einem Traktat vereinigt sind, zuerst nachweisbar ist, oder wann der Traktat „redigiert" wurde, welch letzterer Ausdruck in der Mischna-Kritik oft eine weite und unbestimmte Bedeutung hat. Diese Fragen sind sogar viel unwesentlicher als die nach der Konzeption und der