Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Leopold Landau, Gedenkrede 5 Willen. Er bekommt die Witterung der schöpferischen Kräfte, die in dem Gedanken schlummern. Und wie er beginnt, sich ihm innerlich zu verbinden, reißt es ihn hin. Der Gedanke ergreift von ihm Besitz. Alles was an Sturm in ihm ist, ballt sich in dieser Richtung in seinem Schaffenswillen zusammen. Die Unrast seiner Natur hält ihn in dieser einen Richtung in immerwährender Bewegung. Sein Alter blüht auf wie greisender Wein. Er wird der Jüngste im Kreise seiner Genossen. Kein Wille, keine Leistung genügt ihm. Er hämmert, er peitscht. Wir um ihn fühlten bewundernd die Last und den Segen. Gedanke, Wille, Tat werden ihm eins. Er stößt sich daran wund, daß sein Wort nicht überall den Geberwillen weckt. Wo andre anerkennen, empfindet er nur den Mangel. Kein Wort ist ihm zu stark, um seinem Unwillen Form zu sein. Er mißt jeden Schritt, jede Tat, die eigene wie die fremde, am letzten Ziel. Sein Ungestüm wirkt schöpferisch. Der Eindruck seiner machtvollen Persönlichkeit spannt anderen die Kraft und weitet die mit dem Aufbau der Akademie verknüpften Gedanken. Und während es hundertfach aus ihm hervorbricht in Anregung und Lockung, in Druck und Ueberredung, in Gefühl und Gedanke, in Gabe und Wort, in geistiger Fernsicht und seelischer Lösung, öffnet sich die letzte Quelle seiner Persönlichkeit. Es kommt über ihn mit der Kraft der Intuition. Ueber ihn kommt der Mut der großen Ahnung. Die Inhalte jüdischen Wissens bleiben ihm verschlossen. Aber er gewinnt im Gefühl das innerste Verbundensein, das ihn seelisch in der Tiefe erfaßt und menschlich zur letzten Reife führt. Als Jude hat er sich dazu erhoben. Idee und Ideal wachsen ihm zusammen; er wird von ihnen geheiligt und beherrscht. Das ist das Größte, das dem Menschen gegeben ist. Es ist die Vollendung seines Lebens. Er hat es nicht nur für sich, nicht nur für uns gelebt. Sein Wille war, an einem Werke zu schaffen, das sich nicht mit Mauern um die Wissenschaft legt, sondern ihren geistigen und seelischen Kräften Raum gibt, in die Weite zu wirken. Das ist ihm nicht nur Wunsch und Wille geblieben: er hat die Kraft seines Werkes an sich selbst erprobt. Das ist die unverlierbare Symbolkraft seines Lebens. Er hat das Tor aufgestoßen, er hat die Fackel geschwungen; dann sank er hin. Wir nahmen sie auf, wir tragen sie weiter, bis auch uns — wer weiß wie bald — die Erde deckt. Die Klage ist in unseren Herzen nicht verstummt. Die Sehnsucht nach ihm wird in uns nicht verstummen. Aber wir bergen, wie es das Wort der Väter verlangt, den Schmerz um den Einen in dem Schmerze aller, die trauern um Zion und Jerusalem.