Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1921-01-01 · 2 (1921) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
2 (1921)
Date
1921-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2707513-2707516--052-2707615
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 Leopold Landau, Gedenkrede gab ihm den Sinn für den geschichtlichen Zusammenhang, der ihn, den aller religiösen Betätigung Fernstehenden, religiös auf die Seite der Konservativen trieb. Aber aus alledem konnte sich noch kein Gebilde formen. Die Empfindungen lagen naturhaft auf dem Grunde einer starken Persönlichkeit. Sie wirkten triebhaft, nicht gestaltend. — Er hat es selbst empfunden und früh begonnen, darunter zu leiden. Er fühlte den Mangel an allem, was ihn über Empfindung und Wille hinausgehoben hätte. Rings um sich sah er nur Abwehr und Verwaltung. Er nahm daran teil; aber das füllte ihn nicht aus. Es befriedigte ihn im Augenblick wegen des unmittelbaren Nutzens und weil es seine Kräfte zum Spielen brachte; aber es hinterliess ihm nur umso stärker die Empfindung der vorübergehenden Wirkung und der mangelnden Bedeutung für sein inneres Sein. Er litt unter dem Empfinden, innerem jüdischem Leben fern zu sein. Er hörte in sich das Rauschen verborgener Quellen, die er nicht an das Licht zu heben vermochte. Er spürte auf seiner Zunge Worte, die er nicht zu formen vermochte. Der Starke fühlte sich gebunden. Der innere Jude rang in ihm. Die Zeit wurde ihm Helferin. Es kam ein neuer Tag, ein Neugeborenwerden. Erstorbener Schöpferwille wurde wieder lebendig. Ungeahnte Gestalterkräfte"* rangen sich empor. Da kam auch ihm das Erwachen. Die Zeit hämmerte es herauf. Aus dem Erfühlten, Ersehnten, aus dem, was stumm und ungelöst im Dunkel lag, stieg es ans Licht. Wie jubelte er dem jungen Sturm entgegen. Aber der alte Stürmer blieb selbst am Ufer; er wagte nicht mehr die Fahrt auf hoher See. Das verheissene Land blieb ihm ein Land der Verheissung. Der Tatmensch zuckte vor der Tat zurück. War das Schwäche? Bei seinem Empfinden ganz gewiss. Die Vergangenheit nahm an ihm Rache. Der Büsser verlorener Jahre blieb in der Busse gebunden. Nicht für immer. Das letzte war in ihm noch nicht gelöst. Sein jüdisches Schicksal trieb ihn noch einmal auf die Suche nach sich selbst. Die Jahre kamen und gingen, und das Eigene seines Wesens trat immer reiner hervor. Dieses Eigenste war geistiger Art. In ihm hat er die Vollendung seiner Menschlichkeit gefunden. Leopold Landau und Hermann Cohen traten sich gegenüber: Cohen als Künder, Landau als Suchender. Man mußte meinen, die Gegensätze verkörpert zu sehen. Aber sie schlugen zusammen wie Stahl und Stein — die beiden vom heiligen Feuer durchglühten Naturen, deren letzte Sehnsucht die geistige Wesenheit des Judentums war. Cohen kündete die Allmacht des Gedankens und ihre Verwirklichung im Judentum. Landau fühlte sich bis in die Wurzel getroffen. Er konnte nicht daran denken, Wege zu den Inhalten zu finden, aber er fühlte sich berufen, Wegebereiter für andere zu sein. Es war zunächst nur der Helferwille, der ihn trieb. Der Gedanke einer jüdischen Akademie blendete ihn. Er erkannte ihr Ziel in der geistigen Repräsentation des Judentums. Die Größe der Aufgabe wirkte auf seinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.