Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Leopold Landau, Gedenkrede 3 Minuten die Hülle vom Kern, und von innen her kam über ihn das bittere Lächeln, das nur so selten über die Lippen eines zur Reife Gekommenen zieht. So steht er vor uns: in hartem Umriß, im Rahmen seines großen Wirkens — ein Seltener, und doch mit alledem nur einer neben anderen gleicher Art und gleichen Tuns; mit alledem noch nicht der Eine, der er uns geworden ist. Er war Jude; und das Schicksal des Juden kam über ihn nicht nur von außen, sondern wuchs mächtiger und entscheidender aus seinem Inneren empor. In seiner Jugend hatte das Bewußtsein, Jude zu sein, einen anderen In« halt und andere Formen als in seinem Alter. Es wirkte damals mehr aus der Erinnerung von Jahrtausenden, als aus der Gegenwart. Es hatte ein rückwärts gewandtes Gesicht wie alter Adelsstolz. Es war mehr Wunsch als Wille, mehr Trotz als Bekenntnis, brachte mehr Bindung als Lösung, es legte sich wie edler Rost um andere Bewußtseinsinhalte herum, hatte aber aufgehört, der schöpferische Mittelpunkt der Persönlichkeit zu sein. Auch der religiöse Sinn paßte sich immer mehr allgemeinen Formen an. Bei aller Treue des Gefühls verflüchtigte sich der Inhalt. Jude zu sein, war mehr eine kulturelle Nuance, als ein schicksalsbewußtes Bekenntnis geworden. Leopold Landau stand damals den religiösen Empfindungen fern. Seine Erziehung hatte ihn auch den geistigen Inhalten des Judentums ferngehalten. Erst der siebzigjährige Mann begann, hebräische Buchstaben lesen zu lernen. Wenn er die ganzen Jahrzehnte hindurch, wo nur die Gelegenheit sich bot, sein Judentum bekannte, so tat er es aus dem Gefühl der Treue und dem Bedürfnis der Abwehr. Er tat es in seiner stürmischen Art. Er milderte nichts, weder sein verletztes Empfinden noch die Gegenwehr. Der Zug zur Entschiedenheit, der ihn beherrschte, war nie stärker, als wenn er in sich seine Gemeinschaft getroffen fühlte. Er stand denen fern, die nur resigniert das Muß fühlen, sich Juden zu nennen. Diese müde Geste mangelnden Bejahens und mangelnden Verneinens konnte das Persönlichste in ihm zum Aufruhr bringen. Sie verwundete ihn in seinem eigensten Empfinden: denn er strebte zum Persönlichen, zum Bekenntnis, und das Bekenntnis zum Judentum war für ihn das Bekenntnis zu sich selbst. Gerade weil er es nicht in den gewohnten Alltagsformen und Formeln erlebte und entwickelte, ruhte es in ihm wie eine Naturkraft, ungebrochen, nicht differenziert, immer bereit zu explosivem Ausbruch und zu ekstatischem Ueberschwang. — Positivere Bedürfnisse kamen, je älter er wurde, um so drängender hinzu. Er erfühlte das Judentum als lebendiges Wesen. Wo immer er schaffend stand: in der Gemeinde, im Verein, in seinem Hause, — überall kannte er nicht nur den Teil, sondern das Ganze, über die Landes- und Bekenntnisgrenzen hinweg die Einheit und Wesenheit des ganzen Judentums, immer mit dem Drange, als Artglied der Erhaltung des Artganzen zu dienen. Und dieses Gefühl: aus der Entwicklung von Jahrtausenden heraus verbunden und geartet zu sein, i*