Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 2 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leopold Landau, Gedenkrede Ahnung, mit der Ahnung verband sich die Empfindung, und was das Leben in seiner Gesamtheit ihm nicht sagte, das sagte ihm sein persönliches Sein. Da flog sein Blick zurück bis in seine frühen Tage, und der Greis wurde zum Kinde, und das Kind wieder zum Greise, und Greis und Kind verjüngten sich und alterten soweit, als die Empfindung ihn zurücktrug durch die Erinnerungen seines Blutes, und das Gewesene schlug über die flüchtige Spanne der Zeit hinüber in die unendliche Weite kommenden Seins. Der Boden, in dem er wurzelte, lag im Osten. Diesem Boden ist er seelisch treu geblieben, soweit sein Fuß ihn auch hinweggetragen hatte und so schwach die Erinnerungsspuren waren. Warschau, Breslau, Berlin — das sind die Stationen seines Weges. Er atmete die humanistische Luft einer deutschen Schule, und was der Zufall geschaffen hatte, wurde Schicksal, als der Jüngling nach eben beendetem Studium den Waffenrock anlegte und nach Frankreich zog. Dann schlug sein Leben in dem Boden Wurzel, in dem es haften blieb. Der siebenundzwanzigjährige Breslauer Privatdozent gewinnt in Berlin die Frau, die Heimat und die selbstgeschaffene Arbeitsstätte. Sein Leben spannt sich in den magischen Ring, der sich von der Universität zur Klinik und von dieser zu seinem Herrensitz am Brandenburger Tore schlingt. Hier gewann, was den meisten Aeußerlichkeit geblieben wäre, für ihn innere Bedeutung: denn ihn beherrschte der Sinn für die ästhetische Form und ihre seelischen Gestalterkräfte. Der Genius des Ortes verband sich mit dem Genius seiner Persönlichkeit, und von der Stätte des preußischen Ruhmes ging etwas vom Rhythmus brandenburgischer Regimentsmusik in den Schlag seines Herzens hinüber. Als Greis trug er die Uniform zum zweiten Mal, gestrafft wie ein Jüngling, den Blick über die Grenze auf das größere Deutschland gerichtet; das war ein Ziel, ganz danach angetan, seinem zustoßenden Erobererwillen die Flügel zu spannen. — In hartem Nebeneinander lagen in ihm die Gegensätze, wie schwarz neben weiß. Seine Gefühle waren Liebe und Haß. Sein Sinn war die Tat. Fast bis zum letzten Augenblick rang sein hohl werdendes Auge dem weichenden Leben Genuß und Arbeit ab. Er ging hin wie eine Flamme, die sich im eigenen Feuer verzehrt. Dieser glühende Mann war Jude, und er erlitt das Schicksal des Juden. Er trug es nicht leicht. Er wehrte sich mit dem schneidenden Wort, mit der Verachtung und mit der Arbeit, in der er niemals Ermüdung oder Ersättigung fand. Er trug den Kopf hoch über der Masse. Er kannte das Maß, mit dem er sich messen durfte. Und war im Innersten doch der bescheidenste Mann. Seine Achtung gehörte der Idee, nicht dem Menschen. Als das Alter den Klugen zum Weisen gemacht hatte, begann er, zu vergessen, was dem Vergänglichen gehört. In stillen Minuten wog er da die Werte des Lebens, und viel von dem, womit er in langen Jahrzehnten hatte ringen wollen oder müssen, befand er zu leicht. Dann fiel in ihm für