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Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1920-01-01 · 1 (1920) · p. Seite 42

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Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
1 (1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 42 (sequence 44)
Language
German
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IRI
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42 Ansprache. Als nach einigen Dezennien die Juden in Deutschland wirtschaftlich erstarkt waren und Söhne und Enkel der erstweilig Emanzipierten anfingen, sich gelehrten Berufen und den eine höhere Bildung erfordernden Industrie- und Handelszweigen zuzuwenden, war die alte Tradition des „Lernens" beinahe ganz geschwunden. Ein Anreiz aber, jüdische Wissenschaft zum Beruf zu wählen, war nicht vorhanden, weil schon das Fundament, nämlich die Kenntnis der jüdischen Literatur, nur ausnahmsweise noch Knaben und Jünglingen gegeben war und andererseits keine Möglichkeit winkte, eine aus wirtschaftlichen oder ideellen Gründen erstrebenswerte Lebensstellung zu bekommen. Es war daher nur natürlich, daß sich die Juden allen anderen wissenschaftlichen und sonstigen Berufen eher zuwandten, als der Wissenschaft des Judentums, und so konnte, aus Mangel an geschulten lebendigen Kräften, die Entwicklung der Wissenschaft des Judentums nicht Schritt halten mit der Entwicklung der anderen Disziplinen. So zeigt sich die sonderbare Erscheinung, daß bis jetzt sich viel mehr Andersgläubige, die ausschließlich Staatsstellungen an evangelischen und katholischen Fakultäten und Seminaren inne hatten, mit den sprachlichen und biblischen Zweigen jüdischer Wissenschaft beschäftigten, als Juden. Das ist ein Zustand, dem im Interesse unserer Würde und unserer Selbsterhaltung ein Ende bereitet werden muß. Wir dürfen auf keinem Gebiete jüdischer Wissenschaft länger zur Seite stehen* sondern müssen sie in der ganzen Fülle ihrer Erscheinungen und Probleme, der theologischen, philosophischen, juristischen, soziologischen, sprachwissenschaftlichen undanderer mehr behandeln. Wir müssen uns zum Bewußtsein bringen, daß wir die ältesten lebenden Kulturträger sind, und jeder zivilisierte Mensch muß sich dem Judentum für die Werte, die es ihm mittelbar oder unmittelbar geschenkt hat, verpflichtet fühlen. Sollen kostbare Werte für das Judentum und für die allgemeine Wissenschaft nicht weiter zugrunde gehen, so ist es höchste Zeit, die Möglichkeit einer Besserung vorzubereiten. Wir wollen dieser Verpflichtung nachkommen, indem wir versuchen, durch Gründung einer Akademie die Wissenschaft des Judentums zu der Höhe zu bringen, die sie in Anspruch nehmen darf. Erst wenn sie die Gleichstellung mit anderen Wissenschaften sich erkämpft haben wird, werden wir auch die persönliche und soziale Gleichberechtigung in allen Ländern erreichen. Immer noch haben geistige Werte die persönlichen und materiellen Widerstände besiegt.

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