Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 1 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Ansprache. 4i Interesse durch ihre Anwesenheit bekunden. Ebenso gereicht es mir zu großer Freude, die anwesenden Herren aus russischen Gebieten zu begrüßen, die in altererbtem, tiefem jüdischen und wissenschaftlichen Empfinden auch hier an fremdem Ort ihre Sympathie und ihre Bereitschaft zur Mitarbeit zum Ausdruck bringen und damit den Anfang machen, der Akademie über die Landesgrenze hinaus eine allgemeinere jüdische und wissenschaftliche Wirkung und Bedeutung zu sichern. Die Aufgabe, über welche Ihr Urteil abzugeben ich Sie bitten möchte, ist eine eng umgrenzte. Sie lautet: Wie soll die Akademie für die Wissenschaft des Judentums gestaltet werden? Nicht davon soll die Rede sein, wie die beträchtlichen Mittel für Gründung und Erhaltung einer solchen Institution aufgebracht werden, noch weniger davon, ob die Akademie überhaupt geschaffen und in Berlin ihren Sitz haben soll. Diese Frage ist nach dem warmen Appell Cohens für alle die entschieden, welchen die geistigen Werte im allgemeinen und die des Judentums im besonderen am Herzen liegen. Cohen hat noch kurz vor seinem Tode zur Eile angetrieben, an der rechten Stelle unseres Kulturkreises das Werk zu errichten, welches der Erhaltung und Verjüngung der Wissenschaft des Judentums, der Verbreitung und Vertiefung des Eifers um die Erforschung unserer Literatur und unserer ehrwürdigen Geschichte dienen soll. Die Akademie soll nicht etwa ein Institut werden, welches an die Seite der bisher bestehenden, segensreich wirkenden Lehranstalten für jüdische Theologen tritt. Ihre Aufgabe ist eine neue und umfassendere. Sie soll nicht der Lehre, sondern wesentlich der Forschung dienen; sie soll alles, was von Juden zur Förderung der Kultur vom Altertum bis zur Jetztzeit als spezifischer Wert geschaffen ist und alles, was zur Erkenntnis des Wesens und der Schicksale des Judentums als völkischer, religiöser und geistiger Gemeinschaft dient, in den Kreis ihrer wissenschaftlichen Durchforschung ziehen. Sie soll durch Vereinigung einer größeren Zahl von bedeutenden jüdischen Forschern der verschiedenen Disziplinen einen Zentralpunkt bilden, von dem aus sie in lebendiger Wechselwirkung miteinander forschen und sich gegenseitig befruchten können. Warum ist, trotz längst anerkannten Bedürfnisses, eine Akademie nicht geschaffen worden, obgleich schon vor rund hundert Jahren hier in Berlin ein leider vergeblicher Anlauf hierzu gemacht worden ist? Über die Gründe hierfür wird Klarheit geschaffen, wenn man sich die Geschichte der Juden vergegenwärtigt. Als die politische Macht der Juden unter Titus zerschmettert wurde, rettete ihr geistiger Führer Jochanan ben Sakkai die Juden vor dem gänzlichen Verfall dadurch, daß er vom römischen Feldherrn sich die Erlaubnis erwirkte, in Jawne eine Lehrschule zu errichten. Dieses Jawne-Prinzip hat die Juden auf ihrer 2000 jährigen Wanderung begleitet, stark gemacht und am Leben erhalten. Es hat zu den verschiedenen Zeiten unter den verschiedenen Völkern und Kulturkreisen, bei welchen die Juden einkehrten, sich in verschiedenen Formen geäußert, von der einfachen Übernahme des überlieferten Stoffes bis zu seiner höchsten philosophischen Durchdringung. Durch das Mittelalter und die Neuzeit hindurch bis kurz nach der Emanzipation hat sich dieser sozio-psychologisch so interessante Zustand auch in Deutschland erhalten, wo fast in jeder kleinen Gemeinde sich Kenner der jüdischen Gelehrsamkeit unter den Laien bildeten. Nach der Emanzipation ließ der Kampf um die Befestigung der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung, die Möglichkeit, sich den Aufgaben moderner Kultur zu widmen, die Notwendigkeit, sich wirtschaftlich zu betätigen, den Laien für die Beschäftigung mit jüdischem Wissen weder Zeit noch Muße. Die jüdische Wissenschaft ging in die Hände von nur wenigen Berufsgelehrten, zumeist Rabbinern, über, denen ihr Amt nur selten ausreichende Zeit zu wissenschaftlicher Betätigung ließ.