Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 1 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2707513-2707514--029-2707591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
26 Einführung in sprachliche Untersuchungen zur hebräischen Übersetzung. stab scharfer Begriffssonderung vom Sprachwissenschaftler an die Übersetzung eines solchen Werkes angelegt werden, welche die vorhandenen sprachlichen Mittel erst allmählich durch eine Reihe teils bewußter, teils unbewußter Assoziationen zu einem Instrument für den Ausdruck einer neuen Gedankenwelt gestaltet. Vollends für unseren sprachgeschichtlichen Zweck kommt es nicht so sehr darauf an, die einzelnen Bedeutungen von einander streng zu scheiden und abzugrenzen, als vielmehr die Übergänge von der einen zur anderen zu beobachten, die Zusammenhänge festzustellen. Die fließende sprachliche Entwicklung, zumal in einer solchen Übergangsperiode, läßt sich nicht in eine Einteilung unter ,,erstens, zweitens, drittens . . . fassen, wie sie die Lexika bieten. Aber auch nicht, sofern wir den historischen Boden nicht verlassen wollen, in ein festes Schema, in welchem von einer allgemeinen Grundbedeutung aus die übrigen gleichsam als deren notwendige Folgen ausstrahlen. Historisch tritt uns ein Wort immer nur in gewissen, nach Zeit, Literaturgattung usw. wechselnden Verwendungen gegenüber; die von uns aufgestellte allgemeine Bedeutung ist eine Abstraktion aus ihnen, welche sich mit dem wirklichen Umfange des Wortgebrauchs in einer bestimmten Periode und Sphäre selten völlig deckt und leicht die Unterschiede der Zeiten und Stilarten verhüllt. Die verschiedenen Verwendungen also, in denen sich die uns interessierenden Vokabeln finden, die Zusammenhänge, in denen sie gebraucht werden, gilt es für uns in erster Reihe festzustellen und zu umschreiben. Dabei ist es von großem Wert, gerade hier, an der Schwelle einer neuen sprachlichen Epoche, die Häufigkeit der verschiedenen Verwendungsarten zu beobachten; denn ein Wort, das Tibbon zuerst nur gelegentlich in bestimmtem Zusammenhange in einer bisher noch unbekannten Schattierung verwendet, wird diese Bedeutung um so fester annehmen, je häufiger sich der gleiche Zusammenhang und damit der Anlaß zu gleicher Verwendung einstellt, bis schließlich die Bedeutung auch außerhalb des Zusammenhanges als dem Worte eigen empfunden wird oder, nach den von H. Paul geschaffenen Termini, die okkasionelle Bedeutung zur usuellen geworden ist. Für die Gestaltung unserer Aufgabe ergibt sich aus diesen Erwägungen folgendes: Wir haben nicht nach möglichst weiten Grundbedeutungen zu suchen, in deren Rahmen sich bei vielem guten Willen schließlich alles uns Vorliegende pressen ließe, sondern vor allem die besonderen Verwendungen zu fixieren, in welchen die Wörter in unserem Texte erscheinen. Die einzelnen Bedeutungen sollen nur, soweit sie keine Beziehung zueinander aufweisen, scharf geschieden werden; wo dagegen ein Wort auf der Grenze zwischen zwei Bedeutungen steht — ein sehr häufiger Fall —, da soll es nicht willkürlich der einen von beiden zugewiesen, sondern gerade diese schillernde Verwendung als wertvoller Fingerzeig für die Erkenntnis des allmählichen Bedeutungsübergangs verwertet werden. Demgemäß wird nicht die Form der streng abgeteilten Wörterbuchartikel für uns das Gegebene sein, sondern diejenige einer zusammenhängenden Darstellung der Bedeutungsentwicklung der einzelnen in Frage kommenden Wörter. Die verschiedenen Stufen, durch welche diese Entwicklung hindurchgeht, die Nuancen, um die sich ein Wortbegriff im besonderen Fall bereichert, müssen natürlich, um uns klar vor Augen zu