Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 1 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
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22 Einführung in sprachliche Untersuchungen zur hebräischen Übersetzung. durch Syrer und Araber schon mehr oder weniger ihres spezifisch griechischen Charakters entkleidet und semitisiert waren. Das biblische und das talmudischrnidraschische Schrifttum, die einzigen Reservoire hebräischen Sprachguts, boten für das besondere Ausdrucksbedürfnis dieser neuen Inhalte nur wenig. Die Leistung der Pioniere, welche diesen Inhalten eine für die Dauer tragfähige Brücke in das hebräische Kulturgebiet hinüber geschlagen haben, darf daher nicht gering veranschlagt werden, auch wenn diese Brücke unsere ästhetischen Ansprüche nicht befriedigt und für den ungeübten Fußgänger wie den leichten Reiter manchen Stein des Anstoßes birgt. Das Verdienst dieser Tat gebührt in erster Reihe Jehuda ben Saul ibn Tibbon aus Granada, der um die Mitte des 12. Jahrhunderts aus seiner spanischen Heimat nach dem provencalischen Lunel auswanderte. Zwar wurden schon vor ihm philosophische Schriften aus dem Arabischen ins Hebräische übertragen; aber diejenigen davon, die auf uns gekommen sind, ausschließlich Werke karäischer Autoren, welche übrigens nur den Gedankenkreis der islamischen Dogmatiker, noch nicht den der Aristoteliker und Neuplatoniker eingeführt haben, waren ohne merklichen Einfluß auf den Gang der allgemeinen hebräischen Sprachgeschichte; ihr Stil ist so schwerfällig und unklar, daß ihre Lektüre nur geeignet ist, den Fortschritt der späteren Leistungen ins hellste Licht zu setzen. Eine alte Paraphrase der Saadjanischen Religionsphilosophie, die sich durch kunstvollen Stil auszeichnet, aber den Schwierigkeiten einer genauen Wiedergabe durch weitläufige Umschreibungen aus dem Wege geht, war ebenso wenig berufen, der strengste Präzision heischenden Wissenschaft das Stilmuster zu prägen. Jedenfalls hatte Jehuda ibn Tibbon wohl mit Recht das Gefühl, die Übersetzungstechnik auf neue Grundlagen gestellt zu haben, als er um 1160 Bachja ben Josephs ,,Einführung in die Pflichten des Herzens" zu übertragen begann und in einer klassischen Vorrede die Bedingungen und Erfordernisse einer guten Übersetzung entwickelte. Wenngleich es sich nur um ein popularphilosophisches Werk handelte, so sind doch die wichtigsten Kunstausdrücke hier bereits geschaffen und der wissenschaftliche Stil in seinen Grundzügen geprägt. Jehuda hat diesen Stil später an den schwierigeren Werken Jehuda Hailewis und Saadjas erprobt und be- * festigt, aber auch zu immer größerer Erstarrung gebracht. Erst seinem Sohne Samuel jedoch war es beschieden, indem er seinen Namen mit dem einflußreichsten und meiststudierten Buche der jüdischen Religionsphilosophie verknüpfte, mit des Maimonides ,,Führer", das unmittelbare sprachliche Vorbild auch für originalhebräische Schriften wissenschaftlichen Inhalts zu formen. Samuel hat ferner durch Übersetzung von Schriften des Aristoteles und Averroes Gedankenwelt und Sprachschatz der hebräisch Gebildeten über das enge Spezialgebiet der Religionsphilosophie hinaus bereichert. Sein Sohn Mose und andere Glieder der Familie setzten sein Werk fort. Während für die Tibboniden und einen Teil ihrer Nachahmer ein geradezu ängstliches Anschmiegen an die Ausdrucksweise des Urtextes charakteristisch ist, haben einige andere Übersetzer, unter denen der gerade durch Sprachgewandtheit besonders ausgezeichnete Dichter Charisi am bekanntesten ist,