Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 1 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
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8 Hermann Cohen. mus — was bedeutet die Idee des Einen Gottes? Sie besagt — und damit stehen wir wieder mitten in unserem allgemeinen Zusammenhang — zunächst nichts anderes als den schärfsten Protest gegen jede Vermischung des Geistigen und Sinnlichen. Gott darf und soll nicht, wie im Pantheismus und Polytheismus, in die Natur eingehen: denn damit ginge das, was seinen ideellen Wert ausmacht, im Einzelnen, im Dinglichen unter. Seine Bedeutung ist niemals in einem bloßen Bilde zu fassen. Der Kampf gegen die bildliche Anschauung durchzieht daher die gesamte Entwicklung des Monotheismus. Kant sagt einmal, es gebe im alten Testament keine erhabenere Stelle als das Gebot: Du sollst dir kein Bildnis machen, noch irgendein Gleichnis, weder dessen, was im Himmel oben, noch auf der Erde unten, noch unter der Erden ist. Dieses Gebot allein könne den Enthusiasmus erklären, den das jüdische Volk für seine Religion gefühlt habe, wenn es sich mit andern Völkern verglich. Dieser Enthusiasmus quillt daher, daß hier die Religion auf eine neue Grundlage gestellt — daß ihre Wurzeln vom Naturhaften gelöst und in die Idee des Sittlichen, in die Idee der Persönlichkeit verlegt werden. Jetzt ist kein Ding als Ding mehr der Träger und Ausdruck des Göttlichen — nur vom ethischen Subjekt, nur von der Einheit der Person führt der Weg zu ihm hin. Nicht in der Welt, die als solche in Raum und Zeit ausgebreitet und die daher stets sinnliche Vielheit ist, sondern allein im ethischen Selbstbewußtsein sucht und findet der Monotheismus die Grundlage, um seinen Begriff der Einheit Gottes zu bestimmen. Hier erst geht ihm, in ein und demselben Gedanken, der letzte, tiefste und radikalste Sinn des Menschlichen, wie des Göttlichen, des Seins überhaupt auf. Man begreift nun, was auch Cohen, seiner gesamten philosophischen Grundrichtung nach, am Monotheismus ergreifen mußte. Hier findet er in der religiösen Sphäre ausgedrückt, was er zuvor beständig als Logiker gefordert hat: die Trennung des rein gedanklichen, des rein geistigen Seins von aller Beimischung des sinnlichen, des bildlich-konkreten Daseins. Wir dürfen auch hier an eine Stelle in Cohens Werk über die „Religion der Vernunft" erinnern, in welcher er sich für seine Grundansicht auf ein Wort im zweiten Buch Mose beruft, das er vielleicht zum erstenmal in seiner ganzen abstrakt-spekulativen Bedeutung und Kraft erfaßt hat. Als Moses Gott fragt, welchen Namen er dem Volk nennen solle, wenn es an ihn die Frage richte, wie der Gott heiße, der ihn gesandt, da erwidert ihm Gott: ,,Ich werde sein, der ich bin. Sage ihnen der ,,Ich bin" hat mich zu Euch gesandt." So gibt es im reinen Monotheismus keinen Namen, keine Bezeichnung Gottes mehr, die von den Objekten und ihren Eigenschaften hergenommen ist: nur vom Subjekt, vom ,,Ich bin" aus läßt er sich fassen. Und diese Subjektivität ist nicht die rein psychologische des Daseins, sondern sie ist die sittliche des reinen Willens. Wir fühlen uns auch hier an die platonische Erklärung des Seins erinnert, die ihren letzten und höchsten Ausdruck in der Idee des Guten fand. Wahres Sein hat nur das, was wahrhafte Dauer hat: wahre Dauer aber besitzt nichts Dingliches, sondern nur das geistige Prinzip, das dasselbe für Gott und für den Menschen ist. Diese Grundbedeutung und diese geistige Urkraft des Monotheismus fand Cohen am reinsten beiden Propheten ausgesprochen, und aus diesem Grunde stellten sie