Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 1 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
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6 Hermann Cohen. logischen Faktum und einer psychologischen Wirklichkeit ausgehen. Was den Erscheinungen selbst Notwendigkeit verleihen, d. h. was ihren inneren Zusammenhang begründen soll, das kann nicht selbst wieder in der Art einer Erscheinung, einer physischen oder psychophysischen, gedacht und als ein Stück Natur aufgewiesen werden. Der echte kritische, der „transzendentale" Idealismus im Sinne Cohens lenkt hier vielmehr wieder zu Piaton zurück: er bestimmt die Erfahrung durch ihre ,,Teilhabe" an den reinen Formen; aber er läßt diese Formen, die für ihn die Grundbedingungen alles Wissens sind, nicht selbst wieder zu einer besonderen Klasse von Dingen werden, die denen der Erfahrung analog oder ähnlich sind. Und damit war nun für Cohen auch die Richtung gewiesen, die er in seinen eigenen systematischen Hauptwerken, in der ,,Logik der reinen Erkenntnis", in der ,,Ethik des reinen Willens" und in der „Aesthetik des reinen Gefühls" eingeschlagen hat. Der Ausdruck der „Reinheit" begegnet uns übereinstimmend schon im Titel dieser Werke, und wir werden ihn nach dem vorangehenden genauer bestimmen und verstehen können. Die Reinheit bedeutet auch hier eben dies: daß die Geltung der „Ideen", der Prinzipien, auf denen die Einheit der Erkenntnis im Begriff, die Einheit des Willens in der Handlung und die Einheit der Gestaltung im Kunstwerk beruht, nicht selber als sinnliche Gegebenheit gefaßt und nicht als aufgehend in der Welt der sinnlichen Gegebenheiten gedacht werden darf. Jede dieser Einheiten stellt vielmehr nicht eine bestimmte Seite des Daseins, sondern eine bestimmte Weise und Richtung der geistigen Erzeugung dar. Aus solcher ideellen Erzeugung entspringt erst jedes objektive Erzeugnis — sei es im Gebiete der Wissenschaft, sei es in der Sittlichkeit, im Recht, im Staat, in der Kunst und zuletzt in der Religion. Von hier aus erst schien der Weg, den Kant gewiesen hatte, folgerecht bis zu Ende verfolgt werden zu können. Wenn bei Kant das reine Denken auf ein „Gegebenes" der Anschauung bezogen war, so wird dieser Begriff des Gegebenen von Cohen jetzt aus der Grundlegung des Systems gestrichen. Dem Denken darf nichts als gegeben gelten, was es nicht aus sich selbst, aus seinem Prinzip hervorgebracht hat, und was er demgemäß aus diesem Prinzip zu begreifen vermag. Mit diesem Gedanken beginnt Cohens eigene Logik, die er die „Logik des Ursprungs" genannt hat. Das Denken, das diesen Namen wahrhaft verdient, ist niemals die bloße Abbildung und Nachbildung eines vorhandenen Daseins, sondern es. ist die Ableitung des Gegenstandes, dessen, was für uns als „Sein" gelten und den Wert des Seins behaupten soll, aus einem Prinzip, aus einer reinen „Grundlegung". „Alle reinen Erkenntnisse müssen Abwandlungen des Prinzips des Ursprungs sein; andernfalls hätten sie keinen selbständigen wie keinen reinen Wert". Damit erst scheint der Grundgedanke der Spontaneität, der freien Selbständigkeit des Geistes, der sich von nichts „außer" sich abhängig macht, nach allen Seiten gesichert und durchgeführt. Durch den Cohenschen Begriff des Ursprungs soll erst vollständig der Platonischen Forderung Genüge getan werden, alles Sinnliche im Geistigen, alles Dasein in der Idee zu befestigen, — das Ideelle selbst zum „Grund" des Realen zu machen.