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Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1920-01-01 · 1 (1920) · p. Seite 4

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Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
1 (1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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IRI
…/2707513-2707514--007-2707569
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4 Hermann Cohen. Es ist Piatons Verdienst, daß er dieses Hinausgreifen, diese Transzendenz, die im logischen Begriffsdenken notwendig geübt wird, zuerst als solche begriffen und in ihrer Notwendigkeit erkannt und festgestellt hat. Bei allen griechischen Denkern vor ihm stand das gedankliche Prinzip, aus welchem sie die Welt erklärten, immer wieder in Gefahr, sich in einen bloßen Teil von ihr zu verwandeln. Aus dem Ganzen der Wirklichkeit schien lediglich ein Stück, ein einzelnes Fragment herausgelöst zu werden, das sodann zur begrifflichen Deutung aller übrigen Erscheinungen verwendet wurde. So wurde die Luft, das Feuer, das Unendliche oder die Zahl zur „Substanz", zum letzten Urgrund und Untergrund des Seins: aber dieser Grund gehörte noch demselben Gebiete und gleichsam derselben gedanklichen Dimension an, wie das, was er begründen sollte. Mit Piaton erst tritt hier die scharfe und bewußte Scheidung ein. Klar und bestimmt treten nunmehr die Grenzen des „Sinnlichen" und des „Intelligiblen", des rein Gedachten heraus. Auch Piaton stellt, wie das gesamte griechische Denken, die Seinsfrage; aber er richtet sie an eine andere Instanz. Sein Problem geht nicht mehr unmittelbar auf die Wirklichkeit der Dinge, sondern auf die Wahrheit der Begriffe und Erkenntnisse. Was wir Wirklichkeit zu nennen pflegen — darin läßt sich streng genommen überhaupt kein festes Sein, kein bleibender Bestand herauslösen. Der Satz vom „Fluß der Dinge", das Heraklitische ndvra qeT gilt für das gesamte innere und äußere Dasein; für die Welt der physischen Objekte wie für die der Empfindungen und Wahrnehmungen, der Vorstellungen und Meinungen. Nur der Sinn bestimmter gedanklicher Setzungen, der Sinn des Geraden und des Gleichen, des Einen und des Vieler des Guten und Gerechten, beharrt. Von ihm läßt sich, bei allem Wechsel der Dinge, selbst nichts abdingen. Jetzt ergibt sich, daß die Natur, daß das Ganze der Dinge selbst nur eine mittelbare Wahrheit und Wirklichkeit besitzt, — sofern sie an dieser Konstanz und Notwendigkeit der reinen Ideen teilhat. Was in schwankender Erscheinung schwebt, befestigt sich nun in dauernden Gedanken; aber diese Gedanken gehen selbst nicht unmittelbar in die Erscheinungen ein und sind zwar an ihnen, aber nicht in ihnen aufweisbar. Das Reich des Ideellen ist damit ein für alle mal aus allem Bildhaft-Wirklichen, aus dem bloß zeitlich Daseienden gelöst. Und weiterhin setzt nun eine neue Trennung, ein neuer „Schnitt", wie Piaton sagt, im Gebiet des Ideellen selbst ein. Wir müssen auch auf ihn kurz hindeuten, da er gleichfalls für Cohens Systematik bedeutsam und entscheidend geworden ist. Aus der Gesamtheit der Ideenwelt hebt sich die Idee des Guten, die ethische Idee heraus. Das Gute steht „jenseits des Seins" — nicht nur jenseits der sinnlichen Erfahrung und ihrer Gegenstände, sondern auch jenseits aller besonderen Setzungen des Denkens und der begrifflichen Erkenntnis. Die Welt der Dinge wie die der Erkenntnisse erscheint zuletzt als ein bloßer Reflex; sie ist — wie Goethe den platonischen Gedanken gefaßt und sich zu eigen gemacht hat — „nur ein Abglanz jenes Urlichts droben, das unsichtbar alle Welt erleuchtet". Erst die Transzendenz des Guten, mit welcher Piatons Lehre abschließt, verhilft daher dem Sein zu seiner tiefsten geistigen Bedeutsamkeit: erst sie ist es, die ihm eine Immanenz des Sinnes verleiht, die es aus einem Chaos zum Kosmos gestaltet. —

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